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Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920
erschienene Sonntags-Zeitung.
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Barths Exilerinnerungen sind das Zeugnis eines Nichtkorrumpierten in
seiner Unbefangenheit
Von Harry Pross
In den autobiographischen Romanen von Peter Weiss, „Abschied von
den Eltern“ (1961) und „Fluchtpunkt“ (1962) kommt Max
Barth als M. B. beziehungsweise Max Bernsdorf vor. Die beiden hatten sich
in Prag getroffen, weil Hermann Hesse dem jungen Maler die Prager Adresse
des emigrierten Journalisten gegeben hatte, mit dem ihn eine lange Korrespondenz
verband. Barth, 1896 im badischen Waldkirch geboren, dort 1970 gestorben,
Sohn eines Buchbinders und Mesmers, kindlicher Dichter, als Jüngling
abstinent, vegetarisch, Wandervogel, Lehramtsbewerber und Soldat, dann
Journalist. Der junge Barth bewunderte Hesse und dessen politische Unbeugsamkeit.
In Prag nahm er Peter Weiss auf, ohne zu wissen, daß dieser als
tschechoslowakischer Staatsbürger in ungleich besserer Lage sich
befand als er, der nach illegalen Grenzübertritten aus Spanien, über
Frankreich, die Schweiz und Österreich ins Land gekommen war. Prag
war nur eine Station auf der Flucht aus Deutschland, die im März
1933 von Stuttgart nach Basel begonnen hatte.
„Die Schweizer Freiheit“ heißt das erste Kapitel der
vorliegenden Aufzeichnungen. Es ist die in stoischer Gelassenheit beschriebene
Geschichte einer Entfremdung: Für den Flüchtling aus dem Breisgau
war Basel so vertraut wie Colmar und Straßburg. Was heute „das
Dreiecksland“ am Oberrhein genannt wird, in dem die Staatsgrenzen
durch zigtausend Grenzgänger relativiert werden, die im anderen Land
ihr Brot verdienen, war 1933 für Flüchtlinge ein gefährliches
Terrain. Barth konnte zwar unbehelligt mit der Straßenbahn aus dem
deutschen Lörrach ins schweizerische Basel fahren; aber er war den
Eidgenossen unwillkommen. „Ausgewiesen werden kann jeder, dessen
Anwesenheit für die Schweiz nicht notwendig ist."
Barth war nicht notwendig für die Schweiz. Vielleicht weil er damals
Mit glied der KPD war. So ging er von Ascona, wo Emil Ludwig, um sich
zu distanzieren, einen Goethe-Vortrag auf französisch hielt, nach
Paris. Baß er-staunt, daß seine Mitrevolutionäre von
der KP ihre hilfsbedürftigen Genossen von Rothschilds Spenden für
ein jüdi sches Hilfskomitee verköstigen ließen. Das befremdete
sein proletarisches Empfinden, das überhaupt rapide ab nahm. Barth
war als Redakteur an Dr. Erich Schairers linksliberaler Sonntags zeitung
in Stuttgart der KP beigetre ten, um den Nazis zu wehren. Schai rer, um
die Unabhängigkeit seines Blattes besorgt, hatte ihm daraufhin die
Mitarbeit gekündigt.
Schairer (1887-1956), schwäbischer Überprotestant, Liberalsozialist
und Satiriker, war dann ab 1946 Mitherausgeber der Stuttgarter Zeitung.
Er kommt in Barths Erinnerungen nur in den Anmerkungen des Herausgebers
vor. Wie die beiden Querköpfe, der schwäbische und der alemannische
Erzdemokrat, auseinander- und nicht wieder zueinandergekommen sind, wäre
vielleicht für Baden-Württemberg-Ethnologen interessant. Jedenfalls
machte sich Barth 1932 ein eigenes Blättchen: Die Richtung. Er rief
zum Generalstreik gegen die drohende Naziherrschaft auf. Das zwang ihn
unter der Anklage „literarischen Hochverrats“ ein paar Monate
ins Exil.
1933/34 in Paris überwarf Barth sich mit der KP durch frei geäußerte
Kritik. Ein Mädchen namens Suse, das er in Ascona gekannt hatte,
meldete seine Ansichten - „die korrupten Brüder vom ZK“
u. ä. - eben diesen. Die Sitzungen des „Bundes proletarischer
Schriftsteller“ ödeten ihn an: „Einmal sprach ich Anna
Seghers davon, daß ich mich vom Kommunismus überhaupt wegentwickle.
Sie riet mir, einen Genossen zu sprechen, der für solche und ähnliche
Dinge zur Zeit aus Moskau hier sei; sie könne mir eine Unterredung
bei
ihm verschaffen. Ich dankte. Um zum Beichtvater zu gehen, muß man
gläubig sein."
Barth wurde exkommuniziert, also aus der Partei ausgeschlossen. Gleichwohl
blieb die Mitgliedschaft auf Jahre hinaus sein Schatten: frei in Spanien,
wie in spanischen Gefängnissien 1934/35, abgeschoben nach Frank-reich,
auf der Flucht illegal durch Frankreich, die Schweiz, Osterreich nach
Prag, von dort auf der Reise ostwärts ums Hitlerland herum über
Riga und Stockholm nach Oslo. Dort war er am glücklichsten und wäre
gern geblieben („Länder haben Fysiognomien"); aber die
Wehrmacht rückte ein, und weiter gings mit einem amerikanischen Visum
im norwegischen Fremdenpaß nach USA über Schweden und Sowjetunion.
Die schwedischen Internierungslager beschreibt Barth als KZ. Das wird
man dort wohl nicht gern lesen, wie überhaupt die Skepsis des Autors
der Schminke entbehrt. Sein „Prager Resümee“ zum Beispiel,
oder Chicago: „Es war mir nicht wohl; das Milieu bedrückte
mich; alles war so trostlos banal und trotz der betonten Lustigkeit so
durchaus freudlos. In keiner neuen Stadt eines neuen Landes war es mir
so ergangen.“ Anders die nachsichtig spöttische Beschreibung
der Korruption in Spanien, anders die schwelgerische Geschichte der Vorbeifahrt
an Formosa auf demselben kleinen Dampfer, der auch Brecht mit Anhang über
den Pazifik brachte.

Barth hatte der Hitlerherrschaft sechs Jahre gegeben, bis sie den Krieg
beginnen würde und ungefähr fünfzehn, höchstens zwanzig
bis an ihr Ende. Da er mit der ersten Prognose recht behalten hatte, richtete
er sich in Amerika nicht ein. Er brachte sich mit Schreiben und als Lagerist
durch, nahm auch keine Stelle bei der Regierung an. Das ist schade. Zwar
blieb ihm der Frust erspart, den John Herz, Franz Neumann, Herbert Marcuse
und andere empfanden, als sie bemerkten, daß ihre Denkschriften
im Papierkorb landeten; aber mit Barths Distanz zum amtlichen Amerika
hängt wohl auch die verzögerte Heimkehr zusammen. Er mußte
fünf lange Jahre warten, bis seine diversen Anträge genehmigt
wurden, und er wieder daheim war; aber 1950 waren die deutschen Positionen
besetzt: „Gegen die Antinazis von 1945 sind wir Antinazis von 1933
nur ein kleiner Dreck. Wenn schon - immerhin soll auch mal von uns ein
wenig die Rede sein. Wir haben in der bis jetzt letzten großen Zeit
Deutschlands draußen auch das unsere erlebt."
Es ist dem Herausgeber Manfred Bosch zu danken, daß Barths Niederschrift
von 1967 nun zwanzig Jahre später das trübe „Licht der
Öffentlichkeit“ erblickt, und der engeren Heimat des fast Vergessenen,
die den Band finanzierte. Für die neue Nation, die Generation, die
aus dem „Schatten des Nationalsozialismus heraustreten“ soll,
wie wendige Weisheit will, sind Max Barths Exilerinnerungen über
das Mitgeteilte hinaus wichtig: Zeugnis eines Nichtkorrumpierten in seiner
Unbefangenheit. Die Bundesrepublik fand ihn 1958 mit sechseinhalbtausend
Mark Wiedergutmachung ab für siebzehn Jahre Exil und den Verlust
aller seiner frühen Manuskripte.
Max Barth: Flucht in die Welt. Exilerinnerungen 1933-1950; Hrg. u.
Nachwort Manfred Bosch; Waldkircher Verlagsgesellschaft, Waldkirch 1986;
288 S., 21- DM
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