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Website über
Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920
erschienene Sonntags-Zeitung.
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Warum „Sonntags-Zeitung“?
Gerade zehn
Jahre ist es nun her, da bekam ich als wohlbestallter Chefredaktör der demokratischen Heilbronner „Neckarzeitung“ wegen begründeten Verdachts sozialistischer und sonstiger radikaler Neigungen
vom Herrn Verleger den Stuhl vor die Türe gesetzt. Der „Fall“ war eine Zeitlang Tagesgespräch
in der Stadt, und Freunde rieten mir, diese Situation zu einer eigenen Zeitungsgründung
auszunützen. Ich verpulverte einen Teil meiner Abfindung, ließ Plakate anschlagen,
einen Aufruf drucken und Einzeichnungen für ein erstes Jahresabonnement sammeln. Wenn sich
tausend Leser für ein Jahr verpflichten würden, wollte ich's wagen. Sechshundert kamen
zusammen, und am 1. Januar 1920 erschien die erste Nummer der „Heilbronner Sonntags-Zeitung“.
Ich erklärte in einem programmatischen Einführungsartikel, diese Zeitung werde dem
Geiste des Sozialismus und der Demokratie dienen, der in der angeblich sozialistischen und demokratischen
Republik noch keineswegs lebendig geworden sei.
In vielen deutschen Städten
sind damals solche Zeitungen gegründet worden. Fast
alle sind nach kurzer Frist wieder eingegangen. Auch mir
ist dieses Schicksal oft profezeit worden. Es sei unmöglich,
hieß es, eine Zeitung aufrecht zu erhalten, die
weder eigenes Kapital noch eine Interessengruppe oder
Partei hinter sich habe, und die dazu noch verrückterweise
auf Inserate verzichte.
Daß
es schwer sei, wußte ich. Daß es möglich ist, glaube ich bewiesen zu haben.
Gleich von Anfang an habe ich diesen meinen „Spleen“ der inseratenlosen Zeitung allerdings
nicht durchgeführt. Im ersten Jahrgang hatte jede Nummer eine ganze Seite von mir höchstpersönlich
acquirierter Annoncen. (Alles selber machen: das war mein Geschäftsgeheimnis, das mich
neben der Anhänglichkeit und Opferwilligkeit der Leser in jenen ersten Jahren, notabene
in den Inflationsjahren, über Wasser gehalten hat.) Ich hatte mir aber vorgenommen und
das auch öffentlich versprochen, jedes folgende Jahr eine Viertelseite Inserate abzubauen.
Das habe ich gehalten: seit dem fünften Jahrgang erscheint in der Sonntags-Zeitung kein
Inserat mehr, und es wird keines in ihr erscheinen, solange ich sie herausgebe.
Warum? Das Inseratenwesen ist,
wie schon Lassalle gepredigt hat, in erster Linie schuld
an der Minderwertigkeit unserer Zeitungen. Wie kann ein
Blatt dem öffentlichen Interesse dienen, das gleichzeitig
über den Inseratenteil jedem zahlungsfähigen
Privatinteresse zur Verfügung steht? Auch die sozialistische
und die kommunistische Presse glaubt ohne diese unreinliche
Verquickung nicht existieren zu können. Sie könnte
es, wenn sie es wagen würde, sich räumlich oder
zeitlich etwas einzuschränken und sich von den Lesern
statt von den Geschäftemachern bezahlen zu lassen.
Die Sonntags-Zeitung ist stolz
darauf, daß sie das fertig bringt. Ihre Leserzahl
ist, mit Ausnahme von zwei Stockungen, in der Inflationszeit
1922-23 und während der Wirtschaftskrise 1926-27,
langsam aber stetig gewachsen. Sie wird, wie ich vermute,
noch weiter zunehmen.
Soll ich aus den zehn Jahren,
die jetzt vergangen sind, ein paar Anekdoten erzählen?
Wie ich meine Mitarbeiter fand, mit Druckereien wechseln
mußte, manches richtig und vieles falsch vorausgesagt
habe? Oder etwas von Gerichtsverhandlungen, Landes- und
Hochverratsklagen, Haussuchungen und so? Es gäbe
schon einiges, aber reden wir lieber später drüber,
wenn wir einmal älter und geschwätziger geworden
sind. Bloß eine kleine Geschichte will ich aufwärmen:
wie der Name „Sonntags-Zeitung“, den so manche für
wenig glücklich halten, ohne mein Wissen für
ihr Dasein entscheidend gewesen ist.
Die „Sonntags-Zeitung“
(von Januar bis Oktober 1920: „Heilbronner Sonntags-Zeitung“, von da bis Oktober 1922 „Süddeutsche
Sonntags-Zeitung“, seither nur noch „Die Sonntags-Zeitung“) heißt so aus dem gleichen
Grund, aus dem eine Montags erscheinende Zeitung „Montags-Zeitung“ heißt. Aber der Name
hat für manche Leute ein Nebengeschmäckchen, das ich seinerzeit absichtlich ignoriert
habe. Und gerade das hat dem Blatt sozusagen in der Wiege einmal das Leben gerettet.
Damals nämlich
war das Zeitungspapier noch kontingentiert. Wenn man eine Zeitung herausgeben wollte, brauchte
man einen Bezugsschein von der „Wirtschaftsstelle für das deutsche Zeitungsgewerbe“ in
Berlin. Am 30. Dezember 1919 hatte ich mir einen solchen erbeten und ihn ohne weiteres erhalten.
Kurz darauf, als die erste Nummer erschienen war, bekam ich einen Brief dieser selben Wirtschaftsstelle,
aber mit anderer Unterschrift, anscheinend von einer anderen Abteilung, in dem es hieß:
für meine Zeitung sei kein Druckpapier freigegeben, ihre Herausgabe verstoße gegen
das Gesetz und müsse deshalb strafrechtlich verfolgt werden. Ich erwiderte mit einem höflichen
Hinweis auf die in meinen Händen befindliche Bewilligung. Und daraufhin kam von Berlin
folgende köstliche Antwort: „Wie die auf Grund Ihrer gefl. Mitteilungen vorgenommenen Nachprüfungen
ergaben, ist Ihnen allerdings von der für Zeitschriften zuständigen Abteilung der
Wirtschaftsstelle ein Bezugsrecht auf vierteljährlich 650 Kilogramm Druckpapier zur Herausgabe
einer Sonntags-Zeitung freigegeben worden. Unter der Bezeichnung „Sonntags-Zeitung“ wird von
uns eine Zeitschrift religiöser oder wenigstens unterhaltender Tendenz verstanden,
nicht aber ein Blatt, das, wie das Ihrige, zwar nur wöchentlich erscheint, aber politische
und Tagesereignisse behandelt und deshalb den Charakter einer Tageszeitung hat. Wir wollen nicht
die Feststellung unterlassen, daß Ihnen das Bezugsrecht zur Herausgabe dieser Zeitung
niemals gewährt worden wäre, wenn Sie uns den wirklichen Charakter Ihres Blattes
näher ausgeführt hätten.“
Für ein religiöses „oder wenigstens“ unterhaltendes Sonntagsblättchen
wäre damals in der armen deutschen Republik das Papier
nicht zu knapp gewesen. Aber ein Blatt wie die Sonntags-Zeitung
hätten die Herren Bonzen ohne Weiteres unterdrückt,
wenn sie geahnt hätten, wie es ausfallen würde.
Es gibt, glaube
ich, auch heute noch ein paar Leute, die sich ehrlich freuen würden, wenn diese offenbar
nicht religiöse, ja nicht einmal unterhaltende Zeitung ihr Erscheinen einstellen müßte.
Ich hoffe, liebe Leser, euch ist sie unterhaltend genug und nicht zu wenig „religiös“.
Wir wollen den verehrlichen Herrschaften, die mehr fürs „Religiöse oder wenigstens
Unterhaltende“ sind, zum Trotze die Alten bleiben und weitermachen.
Die Sonntags-Zeitung erscheint
übrigens, was noch nicht alle gemerkt haben, seit
1. Juli 1925 nicht mehr in Heilbronn, sondern in Stuttgart.
Sch.
Die Auflage der Sonntags-Zeitung
| Mitte 1920 : 2000 |
Mitte 1925 : 5200 |
| Mitte 1921 : 3100 |
Mitte 1926 : 5900 |
| Mitte 1922 : 3900 |
Mitte 1927 : 5700 |
| Mitte 1923 : 3900 |
Mitte 1928 : 6200 |
| Mitte 1924 : 4300 |
Mitte 1929 : 6500 |
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