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Website über
Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920
erschienene Sonntags-Zeitung.
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Der deutschnationale
Abgeordnete Hugenberg
ist einer der mächtigsten Männer nicht nur in der Deutschnationalen Volkspartei ,
sondern in Deutschland überhaupt. Worauf beruht seine Macht?
Im Jahre 1913
teilte August Scherl dem Reichskanzler Bethmann-Hollweg mit, er werde 8 Millionen Mark Stammanteile
des Scherl-Verlags verkaufen; Rudolf Mosse biete ihm 11 1/2 Millionen Mark, er, Scherl, sei
aber bereit, „Freunden der Regierung“ die Stammanteile um 10 Millionen zu überlassen.
Bethmann verhandelte
mit einigen reichen Leuten; vergeblich. Die Gefahr, daß Rudolf Mosse oder die Gebrüder
Ullstein den Scherl-Verlag übernehmen könnten, wurde immer drohender. Um diese „jüdische
Gefahr“, vor der hohe und allerhöchste Stellen in Berlin zitterten, abzuwehren, übernahmen
schließlich (lachen Sie nicht!) Baron Alfred von Oppenheim und der Kölner Finanzmann
Louis Hagen die 8 Millionen Mark Stammanteile.
Jetzt aber
griff Alfred Hugenberg, Vorsitzender des Direktoriums von Krupp, ein. Er gründete in Düsseldorf
den „Deutschen Verlagsverein“; dieser kaufte in den folgenden Jahren den Scherl-Verlag auf.
Hugenberg wandte sich einfach an die preußische Regierung mit der Bitte, daß dem
Deutschen Verlagsverein „aus irgendwelchen uns nicht bekannten Fonds ein Vorschuß gegeben
werde“. Auf eine Geheimverfügung des preußischen Ministers des Innern erhielt der
Verlagsverein im August 1914 und im Jahre 1916 je 2 1/2 Millionen Mark. (Daß diese 5 Millionen
heute noch nicht zurückgezahlt sind, ist für die republikanische Regierung Preußens
nicht gerade ein Kompliment.)
So erwarb
Hugenberg den Scherl-Verlag, der jetzt eine Menge stramm deutschnationaler Zeitungen (allen
voran den „Berliner Lokalanzeiger“), Zeitschriften, Magazine und Bücher herausgibt.
Hugenberg
erkannte aber, daß in Deutschland die Provinzpresse ebenso wichtig ist wie die Berliner
Presse. Die Pariser und Londoner Zeitungen habe viel größere Auflagen als die Berliner,
und zwar deshalb, weil sie auch in der Provinz gelesen werden. In Deutschland dagegen hat die
kleinste Provinzstadt ihr Lokalblättchen, und die meisten Leute, bescheiden wie sie sind,
begnügen sich mit der geistigen Nahrung dieser Zeitung.
Diese „Kanäle
zu den Gehirnen der Menschen“ machte Hugenberg seinen Interessen dienstbar. Er gründete
1922 die „Wirtschaftsstelle der Provinzpresse (Wipro)“, die eine Maternkorrespondenz herausgibt.
Nach der Inflation kaufte er noch eine zweite Maternkorrespondenz auf. Diese Maternkorrespondenzen
schicken Leitartikel, Nachrichten, Plaudereien, Romane, Sportberichte usw. in Pappstreifen eingepreßt
an die Provinzdruckereien, die mit Hilfe einer einfachen Metallgießmaschine die Druckplatten
herstellen. Nehmen Sie irgend ein Provinzblatt in die Hand außer den lokalen Nachrichten
ist alles (auch die Schimpfereien über den Berliner Zentralismus) in Berlin fabriziert
worden. Und die meisten Provinzblätter beziehen ihr Material aus Hugenbergs Werkstätten.
Eine solche
Korrespondenz kann aber nur die Nachrichten an die Zeitungen weiterleiten, die sie irgendwoher
erhält; sie ist also abhängig von den Nachrichtenbüros. Nach dem Kriege gab es
in Deutschland nur ein einziges Nachrichtenbüro von Bedeutung: Wolffs Telegrafen-Büro
(W.T.B.). Dieses war bei seinen Inlandsnachrichten abhängig von der Regierung (es ist das
offiziöse Nachrichtenbüro), bei seinen Nachrichten aus dem Ausland von den englischen
und französischen Nachrichtenorganisationen (Reuter und Havas). Wenn also in Buenos Aires
eine Revolution ausbrach, ging die Nachricht über das Reuter-Büro und das W.T.B. an
die Korrespondenzbüros. Wenn in Berlin die Metalldrücker streikten, meldete das W.T.B.
diese Tatsache mit dem nötigen Kommentar dem Reuterbüro und dieses leitete die Nachricht
an die Newyorker Zeitungen; wie die Nachricht dort ankam, kann man sich etwa vorstellen.
Hier griff
Hugenberg ein durch den Erwerb und den Ausbau der Telegrafen-Union (T.U.) Er brach das Nachrichtenmonopol
des von der Regierung abhängigen W.T.B. im Inland und machte sich auch daran, im Ausland
einen eigenen Nachrichtendienst einzurichten: er schloß Verträge mit ausländischen
Nachrichtenbüros und gründete eigene Filialen. Wenn also jetzt in Berlin ein Streik
ausbricht, gibt die T.U. die Nachricht mit dem entsprechenden Kommentar der United Preß
und diese muß sie, nach den abgeschlossenen Verträgen, unverändert an die amerikanischen
Zeitungen liefern. Wenn es in Prag zu einem Straßenauflauf kommt, dann meldet die Prager
Filiale der T.U. nach Berlin, dort wird die Nachricht zurechtgemacht und dann, teils in Telegrammen,
teils schon in Matern, an etwa 1600 deutsche Zeitungen verschickt. Nicht nur an deutschnationale
Zeitungen nein, Hugenberg beliefert auch Zeitungen der Deutschen Volkspartei, ja sogar
Zentrums- und Demokratenblätter mit Nachrichten und Leitartikeln. Die Nachrichten müssen
natürlich mit Vorsicht und mit Rücksicht auf die Parteistellung der empfangenden Zeitung
ausgewählt und „ausgewertet“, d. h. kommentiert werden. Mit dieser Aufgabe beschäftigt
Hugenberg außer etwa 2000 Mitarbeitern 500 bis 600 festangestellte Beamte und 90 Redaktöre.
Nachrichten
auswählen, formulieren und kommentieren das bedeutet: Nachrichtenpolitik treiben.
Und Nachrichtenpolitik in dem Maßstab treiben wie Hugenberg es tut das bedeutet:
die Menschen beherrschen. Haben ausländische Blätter recht, wenn sie Hugenberg „uncrowned
king“, „roi sans couronne“, „ungekrönten König“ nennen?
Sie haben
recht. Sie haben zehnmal recht, seit Hugenberg auch noch Film und Kino in seine Gewalt zu bringen
sucht. Schon 1916 hat er eine „Deutsche Lichtbildgesellschaft“ gegründet, aus der dann
1920 die Deuligfilm A.-G. entstand. Und vor einem Jahr hat er die Werkstätten und die Theater
des größten deutschen Filmunternehmens, der Universum-Filmgesellschaft (Ufa) erworben.
Über die Machtsteigerung, die dieses Eindringen in die Filmindustrie bedeutet, braucht
man kein Wort zu verlieren.
Woher hat
Hugenberg das Geld genommen, mit dem er diese Macht erwarb? Antwort: 1. Von der preußischen
Regierung (siehe oben); 2. von der Schwerindustrie; 3. von den Großgrundbesitzern. Eine
Ausnahme allerdings gibt es, und die ist sehr bezeichnend für die Entwicklung und die jetzige
Macht des Hugenberg-Konzerns: die Ufa hat Hugenberg ohne jede Kapitalzuwendung von der Industrie
oder der Landwirtschaft ganz aus eigener Kraft, d. h. aus Reserven und kaufmännisch normalen
Bankkrediten seinem Konzern eingegliedert.
So hat Alfred
Hugenberg in den letzten vierzehn Jahren ein Gebäude errichtet, das nicht so leicht eingestürzt
werden wird. Denn er kennt die Menschen und hat seinen Bau errichtet auf ihrem Geschmack fürs
Mittelmäßige, ihrem Mangel an Zivilkurasche, ihrer geistigen Schwerfälligkeit
und ihrer Kritiklosigkeit. Und das sind die sichersten Fundamente.
1928, 34 Pitt
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