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Website über
Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920
erschienene Sonntags-Zeitung.
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Heute vor 75 Jahren, am 18. März 1848, war Straßenkampf
in Berlin. Auf den Barrikaden standen Arbeiter aus den Maschinenfabriken
von Borsig, Egells und Rüdiger; neben ihnen die Studenten, von
denen sie aus den Betrieben geholt worden waren. Auf dem Friedhof
der Märzgefallenen im Friedrichshain liegen unter Arbeitern,
Handwerkern, kaufmännischen Angestellten und „Frauen aus dem
Volke“ sechs Studierende der Berliner Universität, darunter ein
Studiosus von Bojanowsky, ein stud. med. von Holtzendorff. Studenten
zwangen den König, vor den Leichen gefallener Arbeiter das Haupt
zu entblößen. Und mit einer schwarz-rot-goldenen Schärpe
gegürtet unternahm Friedrich Wilhelm seinen berühmten Kapitulationsritt
durch Berlin.
Heute, nach 75 Jahren, bilden sich Studentenbataillone,
wenn es gilt, Arbeiter niederzuschlagen. Studenten erschießen
Arbeiter „auf der Flucht“. Studenten beschimpfen die schwarz-rot-goldene „Judenfahne“ der deutschen Republik. Diese Republik aber, die sich
offiziell immer noch „Deutsches Reich“ nennt, schämt sich selber
ihrer Farben, statt stolz auf deren große Tradition zu sein;
und pflegt sie lieber zu verstecken als zu zeigen.
„Preußen geht fortan in Deutschland
auf“, hatte Friedrich Wilhelm damals gesprochen (und als guter Hohenzoller
natürlich nicht gehalten). Es war die Idee, die dem „Deutschlandlied“
des Revolutionärs Hoffmann v. Fallersleben zu Grunde lag (das
heute die Reaktionäre im deutschen „Café National“ singen,
wenn sie sich mit französischen Spirituosen besoffen haben).
Follen, der Jenenser Burschenschafter, hatte den Plan einer deutschen
republikanischen Verfassung entworfen, in dem die bestehenden Landesgrenzen
beseitigt waren, das einige Deutschland nach Ständen gegliedert
und wie in alter Zeit in Kreise eingeteilt war. Die Frankfurter Nationalversammlung
von 1848, voran ihr Präsident Heinrich von Gagern, hatte das
Programm der Zerschlagung Preußens aufgenommen und seine große
politische Bedeutung erkannt. Ein Ludwig Pfau schrieb immer wieder
sein „ceterum censeo Borussiam esse delendam“ (jedenfalls muß
Preußen weg!).
Heute ist
Preußen immer noch da. Immer noch sitzen zwei Regierungen, zwei Parlamente in Berlin.
Immer noch wird preußische Politik gemacht, nach innen und außen.
Als Staatssekretär Preuß 1919 seinen ersten deutschen Verfassungsentwurf erscheinen
ließ, hatte man geglaubt, jetzt werde Preußen fallen. Aber es war schon zu spät
dazu. Es ist nichts daraus geworden. In der Verfassung vom 11. August 1919 stehen eine Reihe
Artikel, die wörtlich aus der Verfassung der Frankfurter Nationalversammlung von 1849 entnommen
sind (und ebensogut auf dem Papier stehen wie damals). „Alle Deutschen sind vor dem Gesetze
gleich.“ „Alle Titel sind aufgehoben.“ „Die Fideikommisse sind aufzulösen.“ Wir finden
in unserer heutigen Verfassung auch manche Sätze nicht, die damals von der deutschen
Nationalversammlung, von einem bürgerlichen Parlament, in die Verfassung aufgenommen worden
sind. „Die Todesstrafe . . . ist abgeschafft.“ „Die Besteuerung soll so geordnet werden, daß
die Bevorzugung einzelner Stände . . . aufhört.“ Und wenn wir in den Protokollen der
Paulskirche blättern, so stoßen wir auf Forderungen aus dem Munde von Universitätsprofessoren
und Gymnasiallehrern, die heute keiner ihrer Enkel wagen würde zu vertreten. Karl Biedermann,
Professor der Filosofie in Leipzig: „Wo Staat und Kirche getrennt sind, da sehen wir das politische
Leben in der höchsten Entwicklung . . .“ Karl Vogt, Professor der Zoologie in Gießen: „Ich bin für die Trennung der Kirche vom Staat; allein nur unter der Bedingung, daß
das, was man Kirche nennt, überhaupt spurlos verschwinde . . .“ Karl Nauwerck, Professor
der Filosofie in Berlin: „ . . . Die Religion und Kirche muß eine Privatsache sein . .
.“ Derselbe Nauwerck: „Jeder Deutsche hat ein Recht auf Unterhalt, . . . das Recht, nicht zu
verhungern.“ Abg. Eisenstuck-Chemnitz: „Man hat gesagt, das Kapital benutzt die Arbeit, und
wenn sie ihm nicht mehr paßt, wirft es die Arbeit auf die Seite . . . Das ist ganz richtig.“
Abg. Schütz-Mainz: „ . . . Ist denn dieser Staat, auf das Kapital gegründet, wirklich
das Ideal der menschlichen Gesellschaft?“

Man sieht, die Geschichte macht kleine Schritte.
Wenigstens in Deutschland.
1923, 11 Sch.
Aus der Weimarer Verfassung
Artikel 165: . . . Die Arbeiter und Angestellten erhalten zur Wahrnehmung ihrer sozialen und
wirtschaftlichen Interessen gesetzliche Vertretungen in Betriebsarbeiterräten sowie in
nach Wirtschaftsgebieten gegliederten Bezirksarbeiterräten und in einem Reichsarbeiterrat.
Die Bezirksarbeiterräte und der Reichsarbeiterrat treten zur Erfüllung der gesamten
wirtschaftlichen Aufgaben und zur Mitwirkung bei der Ausführung der Sozialisierungsgesetze
mit den Vertretungen der Unternehmer und sonst beteiligter Volkskreise zu Bezirkswirtschaftsräten
und zu einem Reichswirtschaftsrat zusammen.
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