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Website über
Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920
erschienene Sonntags-Zeitung.
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Am 28. Juli
1914, vormittags 11 Uhr, hat mit der österreichisch-ungarischen Kriegserklärung an
Serbien der große Krieg begonnen, den man etwas verfrüht als Weltkrieg zu bezeichnen
pflegt. Am Abend vorher war als Abgesandter der deutschen Sozialdemokraten ein gewisser Hermann
Müller
nach Paris gefahren, um den französischen Genossen vorzuschlagen, in der Kammer gegen den
Krieg zu protestieren, im gleichen Wortlaut wie die deutschen es im Reichstag machen wollten.
Es war derselbe Müller, der nicht ganz fünf Jahre später, im Juni 1919, als deutscher
Minister des Auswärtigen den Vertrag von Versailles
unterzeichnete, und der heute, nach fünfzehn Jahren, deutscher Reichskanzler ist. Seine
damalige Pariser Mission war zum Scheitern verurteilt, weil sich die Parteifreunde zu Hause
inzwischen hatten umstimmen lassen. Wir „schlidderten“ in den Krieg, weil keiner da war, der
ihn aufgehalten hätte.
Er wäre
aufzuhalten gewesen, wenn auch nicht von den Sozialdemokraten. Das hat jetzt, besser als alle
die seither ehrlich die Akten studiert haben, ein Meister der Darstellung uns von neuem bewiesen:
Emil Ludwig in seinem Buche „Juli 14“. Wer es gelesen hat, der wird kaum mehr von der deutschen „Unschuld“ überzeugt sein. Leider werden diejenigen, die es in erster Linie lesen müßten,
unsere Akademiker und Studenten, so vorsichtig sein es lieber nicht zu lesen. Aber man sollte
jetzt mit keinem sogenannten Gebildeten mehr über die „Schuldfrage“ disputieren, der Ludwigs
Buch nicht kennt.
Als Hauptschuldigen
betrachtet und behandelt Ludwig den damaligen österreichischen Minister des Äußern
Grafen Berchtold ,
der den Krieg eingefädelt und angezettelt hat. Den deutschen Beteiligten gegenüber
hält er sich, wie man zu sehen glaubt, absichtlich etwas zurück. Aber vielleicht nur
um den sachlichen Eindruck nicht zu stören, der sich dabei umso stärker aufdrängt:
daß Wilhelm
und seine Diplomaten vor der Geschichte die entscheidende Verantwortung an der Entfesselung
der Katastrofe zu tragen haben. 
Verantwortung?
Haben sich die Kriegsmacher auf allen Seiten denn irgendeinmal wirklich verantwortet? Hat sie
jemand zur Rechenschaft gezogen? Ist einem ein Haar gekrümmt worden? Zwei von ihnen, und
nicht die Schuldigsten, haben nachher ein gewaltsames Ende gefunden, der Zar und Graf Tisza.
Allen anderen ist nichts passiert, weder an Leib und Leben noch an Vermögen und öffentlicher
Geltung. Im Gegenteil!
Das ist das
Erschütterndste bei der Lektüre des Ludwig'schen Buches: zu sehen, wie das diplomatische
Handwerk nur für seine Objekte, für die Massen der Völker, gefährlich ist,
für die ausübenden Subjekte dagegen nichts anderes als ein spannendes Spiel mit Figuren.
(Ebenso nachher das militärische: die Hauptquartiere haben sich nicht beschossen, die Feldmarschälle
stehen in keiner Verlustliste.)
Ist ein Beruf,
bei dem das eigene Risiko gleich Null ist, während dabei das Leben von Millionen eingesetzt
und geopfert wird, eigentlich noch ein „ehrlicher“ Beruf, dessen Träger Achtung und Bewunderung
oder nicht vielmehr Verachtung und Abscheu verdienen? Kann man einem Grafen Berchtold oder einem
Grafen Pourtales denn überhaupt noch die Hand geben wie anderen anständigen Menschen?
Wie haben solche Leute es über sich bringen mögen, sich überhaupt noch in Gesellschaft
zu zeigen, weiterzuleben, als ob nichts gewesen wäre?
In alten Zeiten
sind die Herrscher an der Spitze ihrer Scharen ins Feld gezogen und haben als erste den Kampf
eröffnet. Von ihnen hing die Entscheidung ab, um ihr Leben ging es in erster Linie. Feldherren
und Diplomaten, die nicht siegreich blieben, winkte die seidene Schnur, das Kriegsgericht, die
Verbannung oder das Harakiri. Barbarische Sitten, nicht wahr? Aber gute.
Könnte
man das nicht wieder einführen? Könnte man die Herren Staatsmänner nicht tatsächlich
verantwortlich machen für das, was sie anrichten?
„Wenn sich
Europa nicht in einen neuen Krieg stürzen lassen will, so müssen alle Länder
Gesetze annehmen, nach denen jedem beteiligten Minister die Gasmaske entzogen wird. Dann wird
man sich plötzlich vertragen.“
Fügen
wir diesem Satze Emil Ludwigs noch die Worte „und Parlamentarier“ hinzu, und wir würden
keine pazifistische Bewegung mehr brauchen, wenn er Geltung bekäme.
1929, 50 Sch.
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