|
Website über
Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920
erschienene Sonntags-Zeitung.
Probieren Sie's mit der Stichwortsuche:
|
 |
Als
vor einigen Monaten die letzten Bände des Werkes „Die große Politik
der europäischen Kabinette 1871-1914“ erschienen, haben die Streiter
gegen die „Schuldlüge“
dem deutschen Volke großes Heil verkündet. Da stünde sie
drin, die Unschuld Deutschlands! (Sie reden immer von Deutschland, wenn
sie Wilhelm
meinen.) Die Herrschaften haben sich aber gehütet, die Aktenstücke
näher zu bezeichnen, die die Unschuld Wilhelms beweisen sollen. Sie
haben wohl gewußt, warum. Solche gibt es nämlich gar nicht. Dagegen
finden sich in der „großen Politik“ zahlreiche Dokumente, die Wilhelm
und seine Handlanger schwer belasten.
Am 20. Dezember
1912 hat Fürst Lichnowsky aus London an Bethmann geschrieben (Aktenstücke Nr. 12561): „Man achtet uns hier, man schätzt, man überschätzt uns vielleicht, und aus diesem
Gefühle, das man mitunter geneigt wäre, Furcht zu nennen, geht das Bestreben hervor,
uns einzuengen, nicht aber die Lust, uns zu bekriegen. Dazu sind die gemeinsamen Interessen
zu groß, die wirtschaftlichen Verbindungen zu eng und zu bedeutend, die materiellen Verluste
selbst eines siegreichen Krieges zu empfindlich. Dazu ist man hier auch zu bequem geworden,
das Volk ist friedliebend und liebt es, in seinen täglichen Gewohnheiten nicht gestört
zu werden. Ein Krieg mit uns wäre daher durchaus nicht populär, er würde aber
trotzdem geführt werden, um Frankreich, falls wir es bedrohten, zu schützen. Denn
man glaubt hier, daß es nicht in der Lage wäre, sich ohne britische Hilfe der deutschen
Übermacht zu erwehren.“
Am 7. März
1914 hat Lichnowsky nochmals berichtet (Nr. 14700): „Die ungeschmälerte Erhaltung Frankreichs
gilt den Engländern ebensosehr als eine politische Notwendigkeit wie uns die Erhaltung
Österreich-Ungarns, und sie würden daher, wie ich nochmals hervorheben möchte,
in einem Krieg zwischen uns und Frankreich unter allen Umständen ihre schützende Hand
über letzteres halten.“
Soviel zu
den deutsch-englischen Beziehungen. Nun zu den deutsch-französischen. Am 30. November 1912
hat der deutsche Botschafter in Paris, Freiherr v. Schön, an Bethmann geschrieben (Nr.
12471): „Die Befriedigung, mit der hier die Nachrichten über die anscheinende Entspannung
der internationalen Lage aufgenommen werden, läßt wiederum erkennen, daß die
überwiegende Mehrheit der öffentlichen Meinung nichts sehnlicher wünscht, als
daß Frankreich vor kriegerischen Verwicklungen bewahrt bleiben möge.“ Und der Bericht
schließt mit den Worten: „Ohne die Rechtfertigung eines Frankreich drohenden deutschen
Angriffs würden, das möchte ich bestimmt annehmen, weder Poincaré noch Millerand
noch Delcasse angesichts der einem Krieg durchaus ungünstigen Stimmung der Mehrheit der
Kammer und des Volkes es niemals wagen, das Land vor eine vollendete Tatsache zu stellen.“
Am 4. Dezember
1912 hat Lichnowsky folgende Äußerungen Greys nach Berlin berichtet (Nr. 12481): „Entstände aber ein europäischer Krieg dadurch, daß Österreich gegen Serbien
vorginge und Rußland, durch die öffentliche Meinung gezwungen, und um nicht abermals
eine Demütigung wie 1909 zu erleben, in Galizien einmarschierte, was uns (Deutschland)
zur Hilfeleistung veranlassen würde, so sei die Beteiligung Frankreichs unausbleiblich
und die weiteren Folgen unabsehbar.“
Wie war das
Verhältnis zwischen Deutschland und Rußland? Am 6. Februar 1913 hat der deutsche
Botschafter in Petersburg, Graf von Pourtales, nach Berlin gemeldet (Nr. 12805): „Ich bleibe
dabei, daß der Kaiser Sassonow und Kokowzow „pour tant et tant de raisons“ (aus so und
so viel Gründen) . . . den Krieg nicht wollen und alles tun werden, ihn zu vermeiden. Ich
möchte aber bestimmt annehmen . . ., daß im Falle eines Vorgehens Österreichs
gegen Serbien die zwar verhältnismäßig kleine, aber mächtige und sehr rührige
Gruppe der panslawistischen Hetzer die ganze öffentliche Meinung mit sich fortreißen
und die jetzigen Leiter der Regierung verdrängen würden und daß dann der Krieg
zum mindesten sehr wahrscheinlich werden würde.“
Am 17. Juni
1914 hat der deutsche Gesandte in Bukarest v. Waldhausen folgende Äußerung Sassonows
zu dem rumänischen Ministerpräsidenten Bratianu nach Berlin berichtet (Nr. 15833):
Sassonow habe mehrfach versichert, „daß Rußland die friedlichste Politik verfolge.
Auch gegenüber Österreich habe er friedliche Absichten, doch könne er unter keinem
Vorwand einen österreichischen Angriff auf Serbien zulassen“.
Noch ein Dutzend
solcher Zitate stehen zur Verfügung. Sie sagen alle das Gleiche: England wollte den Frieden,
aber mit dem Vorbehalt: Frankreich darf nicht angegriffen werden. Frankreich wollte den Frieden,
aber Rußland darf nicht angegriffen werden. Rußland wollte den Frieden, aber Serbien
darf nicht angegriffen werden.
So waren Wilhelm und die Bethmänner durch ihre eigenen Botschafter
und Gesandten informiert, so waren sie gewarnt, als sie im Juli 1914 die
Österreicher unermüdlich in den Krieg mit Serbien drängten
und trieben.
Nach dieser Kriegserklärung nahm das Verhängnis geradezu programmäßig
seinen Lauf: der Krieg mit Serbien provozierte den Krieg mit Rußland,
der Krieg mit Rußland verursachte den Krieg mit Frankreich und der
Krieg mit Frankreich den Krieg mit England. 
Also: dadurch, daß sie die Österreicher in den Krieg mit Serbien
hetzten, haben Wilhelm und seine Bethmänner Europa in Brand gesteckt.
Sie sind die Schuldigen, die Alleinschuldigen. Das ist's, was „Die große
Politik der europäischen Kabinette“ beweist. 
1927, 26 Emel
|