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Website über
Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920
erschienene Sonntags-Zeitung.
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Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß ich
während des Kriegs lange an die offizielle Legende
über seinen Ausbruch geglaubt habe: Deutschland sei
von seinen Feinden überfallen worden. Ich konnte mir
nämlich einfach nicht vorstellen, daß ein so „eingekreistes“ Land Händel mit seinen Umliegern provoziert
habe. Etwas so Unvernünftiges schien mir nicht wahrscheinlich.
Erst als später die Akten über den Kriegsausbruch
veröffentlicht wurden, gingen mir die Augen auf. Darüber,
daß es in der hohen Politik nichts so Verkehrtes,
Dummes und scheinbar Unmögliches gibt, das nicht geschehen
könnte. Und seither habe ich sogar noch ein Weiteres
dazugelernt: daß es Politiker gibt, vor denen das
Sprichwort, daß Schaden klug mache, zuschanden wird.
Daß kein Fehler groß genug ist, als daß
er nicht von denen, die ihn begangen haben, wiederholt werden
könnte. Daß vielmehr nach einem Worte Wolfgang
Pfleiderers gerade die entscheidenden Dummheiten immer wieder
gemacht werden.
Wenn man gelesen hat, was nach
dem Genfer Mißerfolg auf der sogenannten „nationalen“
Seite in Deutschland über den Völkerbund und Deutschlands
Verhältnis zu ihm verzapft worden ist, dann hat man
eine neue Bestätigung für diese Lebensweisheit.
Es gibt wahrhaftig in Deutschland immer noch Leute, ernsthafte
Leute, die nicht zu wissen scheinen, wo sie sich befinden.
Daß unser Land immer noch den gleichen Erdenfleck
bildet, ohne „natürliche“ Grenzen, mitten drin in dem
Kleinstaaten-Komplex Europa, der selber heute nicht viel
mehr ist als ein Puffer zwischen Asien und Amerika. Wir
sind und bleiben „eingekreist“, von zwar nicht mehr feindlichen,
aber andersartigen Mächten umgeben, ein richtiges „Land
der Mitte“. Es ist wahrhaftig kein Zufall, daß Deutschland
Jahrhunderte lang der europäische Kriegsschauplatz
gewesen ist. Soll es vielleicht auch noch einmal der Weltkriegsschauplatz
werden, auf dem Westen und Osten, England und Rußland,
Amerika und Asien, Kapitalismus und Sozialismus ihre Entscheidungsschlachten
schlagen?
Wer sein deutsches Land liebt,
wer sein deutsches Volkstum kennt, kann das nicht wünschen.
Er wird vielmehr die durch Natur und nationale Eigenart
bestimmte Aufgabe Deutschlands darin erblicken müssen,
zwischen den Gegensätzen, in die es eingekeilt ist,
und die sich in ihm selber vermischen, zu vermitteln. Die
Synthese zwischen Osten und Westen, alter und neuer Welt,
zu finden und zu bilden. Es wäre ebenso falsch und
einseitig, wenn wir uns östlich wie wenn wir uns westlich „orientieren“ wollten, denn die Scheidelinie geht mitten
durch uns selber hindurch. Wer in der Mitte liegt, kann
nur einen Beruf haben: den des Mittlers.
Damit ist für unsere ganze
Politik, die äußere und, so merkwürdig es
vielleicht klingt, auch in gewissem Sinne für die innere,
die klare Linie vorgezeichnet. Wir haben im Innern von Amerika
und von Rußland zu lernen, und brauchen weder die
amerikanischen noch die russischen Fehler nachzumachen.
Und bei allen außenpolitischen Auseinandersetzungen
auf der Welt ist die einzig vernünftige und angemessene
Haltung Deutschlands die pazifistische: einer absoluten
Neutralität.
Daß diese nicht immer leicht
sein wird, versteht sich. Aber um so reizvoller und dankbarer,
dächte ich, müßte die Aufgabe für Staatsmänner
sein; und ihre Ausführung bedeutet keineswegs Passivität
und Verzicht. Es sei denn Verzicht auf großspuriges
Auftreten, Maulheldentum, Säbelgerassel und derartige
Geräusche gewisser Größen von gestern, die
hoffentlich bald von vorgestern und nicht, wie sie sich
träumen, wieder diejenigen von morgen sein werden.
1926, 16 Sch.
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