|
Website über
Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920
erschienene Sonntags-Zeitung.
Probieren Sie's mit der Stichwortsuche:
|
 |
Das Beste an dem miserablen „Friedensvertrag“ von Versailles
ist vielleicht, daß er uns unserer Kolonien beraubt hat. Es erspart
uns viele Ausgaben: Die Regierung hat einen Posten weniger, aufgrund dessen
sie das Geld des Volkes verputzen kann. Wir brauchen nicht mehr die Söhne
der deutschen Bauern und Arbeiter nach Afrika, Asien und in die Südsee
zu schicken, damit sie dort für „ihre Interessen“ sterben. Wir laufen
nicht mehr Gefahr, wegen unserer Nachbarschaft zu den von anderen sogenannten
Kulturvölkern unterjochten Völkern in Eingeborenenaufstände
oder gar in nationale Kriege verwickelt zu werden. Für die Teutobolde
allerdings sind das alles zwingende Gründe, nun erst recht nach der
Wiedergewinnung von Kolonien zu streben. Und unsere Verantwortlichen, die
jeden Tag zehnmal vor dem Angesicht der Welt feierlich allen Imperialismus
abschwören, kennen keine heiligere Pflicht, als nach Aufrüstung
der Reichswehr und Rückgabe unserer früheren Kolonien zu geilen.
Damit wir auch wissen, wofür wir sie bezahlen!
Wenn Kolonien einen Sinn haben
könnten, so in unserer unsentimentalen Zeit doch
keinesfalls den, unser „nationales Prestige“ zu heben, sondern
einzig den: unserer Volkswirtschaft zu nützen. Daß
sie das tun könnten, wird schwerlich zu beweisen sein.
Wäre es so, erhöbe sich immer noch die Frage,
ob es heutzutage, wo die Erkenntnis von der Unsittlichkeit
des Kolonialismus nicht nur in den Hirnen vieler Angehöriger „zivilisierter“ Völker aufzudämmern beginnt, sondern
auch was ausschlaggebend ist die annoch unterjochten „Wilden“ zur geschlossenen Befreiungsaktion gegen ihre Zwingherren
anfeuert, nicht zweckmäßiger wäre, auf die
politische Oberherrschaft über außereuropäische
Gebiete, eine Herrschaft, deren Wert ebenso problematisch
ist wie ihre Fortdauer, zu verzichten und statt dessen ohne
Anmaßung, mit Freundlichkeit, Klugheit und Geschick
Geschäfte zu machen, die beiden Teilen nützen.
Es geht nämlich
auch anders. Beispiel: China. Wir haben dort kein Tsingtau mehr, das wir als Musterkolonie
in allen vier Weltenden ausschreien können; es wimmeln dort keine deutschen Soldaten mehr
rum, um den schlampigen Gelben preußische Disziplin vorzuführen; keine Iltisse beschießen
mehr Takuforts; keine „Germans“ sind mehr stolz, daß sie ein britischer Admiral „to the
front“ kommandiert, damit sie für die Sache der weißen Nationen ins Gras beißen,
und kein Waldersee spielt mehr Weltmarschall und kommt zu spät, weil der Krieg vorbei und
alles, alles wieder gut ist. Auch gibt's in China für die Deutschen keine Sonderrechte,
keine eigene Gerichtsbarkeit und dergleichen mehr. Und trotzdem floriert das Geschäft.
Trotzdem? gerade deshalb!
Versailles hat unserem Drang nach
imperialistischer Betätigung im eigenen Kontinent einen
Dämpfer aufgesetzt. Seien wir so klug, uns nun nicht
Ersatz zu suchen in Eroberungsplänen außerhalb
Europas. Die große Auseinandersetzung zwischen den
in Knechtschaft gehaltenen farbigen Rassen, deren Vorkämpfer
China und Rußland sind, sollte uns nicht an der Seite
der Sklavenhalter finden, oder doch mindestens nicht im
Bunde mit ihnen, durch gleiche Schuld mit ihnen verkettet.
Hätten wir Kolonien, so wäre
alles weniger einfach: es ist schwer, aufzugeben, was man
hat. Wir sind aber in der glücklichen Lage, keine zu
haben; seien wir nicht so dumm, in der Ära des zusammenbrechenden
Kolonialismus schnell noch mit in die Firma einzutreten,
damit wir, wenn der Kladderadatsch kommt, doch ganz bestimmt
auch unseren Balken auf den Deez kriegen. Seien wir vielmehr
froh, daß wir diesmal keine Kastanien im Feuer haben;
mögen die anderen die ihren selbst rauslangen!
1927, 15 Max Barth
|