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Website über
Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920
erschienene Sonntags-Zeitung.
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Die
Konsolidierung Europas in irgend einer Form ist heute zu
einer Notwendigkeit geworden. Ich glaube, daß man
diese These aufstellen kann, ohne den Widerspruch eines
denkfähigen Menschen zu finden.
Die Konsolidierung Europas ist
durch die Wirtschaftsnot notwendig geworden, in der (mit
Ausnahme des Weltreichs England) die europäischen Einzelstaaten
sich der erdrückenden Überlegenheit Nordamerikas
gegenüber befinden. Ich habe die europäischen
Einzelstaaten einmal mit kleinen Krämern verglichen,
die in der Einzelkonkurrenz mit dem großen Warenhause
Nordamerika rettungslos Bankrott machen müssen, wenn
sie außerdem noch vom Zoll- und Wirtschaftskampf untereinander
geschwächt sind oder gar Prozesse und Raufereien untereinander
veranstalten. Die einzige Rettung für diese zu Krämern
gewordenen, einst sehr wohlhabenden Kaufleute ist die Genossenschaft,
also irgend eine Art Gemeinschaft.
Sie müssen,
gar nicht der Moral wegen, sondern schon ganz allein aus nüchternem Selbsterhaltungstrieb,
zusammenstehen, jeden Gedanken an Krieg untereinander begraben. Aus einem nationalen
Empfinden heraus das ich mir von keinem Menschen abstreiten lasse predige ich
für meine Person den Frieden. Weil ich weiß, daß ein neuer Krieg den
Untergang Europas und damit Deutschlands bedeutet.
Es ist heute
gar nicht an der Zeit, die Friedensfrage vom Weltanschauungsstandpunkt zu behandeln. Jede Weltanschauung
ist „unrichtig“, weil jede subjektiv sein muß. Hier aber liegt ein objektiver Zwang
zu einer neuen Gemeinschaft vor. Ein Zwang, der dem weltanschaulichen Pazifisten vielleicht
sympathisch, dem weltanschaulichen Gewaltfreund vielleicht unsympathisch ist der aber
eben für beide schlechterdings ein Zwang ist.
Niemand wird vom deutschen Nationalisten
verlangen wollen, daß er den Franzosen liebt. Auch
der französische Nationalist liebt den Deutschen. nicht.
Aber beide müssen in die Gesellschaft: „Deutschland,
Frankreich und Cie.“ eintreten und für gemeinschaftliche
Interessen arbeiten. Sie müssen, kaufmännisch
gesprochen, aus zwei Konkurrenzfirmen eine gemeinschaftliche
Firma werden und andere, noch kleinere mit aufnehmen. Deshalb
soll und braucht keiner der Knecht des anderen zu werden.
Nicht nur wirtschaftlich, auch
politisch ist dies in Anbetracht der Tatsache notwendig,
daß alle anderen Erdteile sich konsolidieren. Wir
schreiten rasch aus der Periode nationaler Bildungen in
die der kontinentalen hinüber. Der panamerikanische
Völkerbund ist im Werden. In Afrika tönt der Ruf:
„Afrika den Afrikanern“. Die panasiatische Idee, deren
militärische Gestaltung Rußland übernommen
hat, mit einem Erfolge, der leider in Deutschland noch gar
nicht hinreichend bekannt ist, wird in wenigen Jahren sogar
eine militärische Gefahr für Europa bedeuten.
Angesichts dieser Bildungen ist
es für Europa eine Pflicht der Selbst-erhaltung, auch
an seine eigene Konsolidierung zu denken. Ohne sie kommt
es unter die Räder!
Es gibt aber kein gesundes Deutschland
in einem zerbrochenen Europa. Wir sind unlösbar mit
dem Schicksal des Kontinents verkettet.
Darum müssen
wir Europäer werden. Wir müssen das Gemeinsame der Not, der Gefahr, der dringenden
Notwendigkeit gemeinschaftlichen Pühlens und Handelns endlich verstehen. Ich gestehe offen:
ich würde niemals ein Wort für Frieden und Versöhnung schreiben, wenn ich wüßte,
daß Frieden und Versöhnung Deutschland schaden würden. Nur weil ich weiß,
daß es gar keine andere Rettung gibt, darum schreibe ich.
Andere handeln in ihrem Gebiete
ebenso und gründen wirtschaftlich im Kleinen, was sie
politisch im Großen vielleicht (ich sage: vielleicht,
da ich die Ansichten der Herren nicht kenne) als Internationalismus
geißeln. Soeben ist ein internationales Röhrenabkommen
unter Dach gebracht worden, das die Röhrenindustrien
von Deutschland, Frankreich, Luxemburg und Belgien umschließt.
Das ist ein Schritt zum wirtschaftlichen Europa. Er erfolgte
jedenfalls, weil er notwendig war. Hunderte von anderen
Schritten werden folgen. Die europäische Zollunion
ist eine Selbstverständlichkeit. Sie könnte bei
größerer Einsicht der politisch Maßgebenden
heute schon da sein.
Europa kommt,
weil es kommen muß. Und mit Europa kommt der europäische Friede als eine Selbstverständlichkeit.
Die Sache liegt jenseits von Sympathie und Antipathie.
1926, 32 Franz Carl Endres
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