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Website über
Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920
erschienene Sonntags-Zeitung.
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Die neue Zeit will auch dem alten
Kriegsgott Mars an den Kragen. Und nicht mit Unrecht. Denn
solange er Speer und Schild trug, war er ein vornehmer,
ritterlicher Kämpfer. Seit er aber eine Gasmaske auf
hat und sich in die Erde buddelt, hat er sich selbst sein
Grab gegraben. Und als taugliches Mittel zur Lösung
von Völkerkonflikten kann er auch nicht mehr angesehen
werden, weil er infolge der engen Verstrickung der Weltwirtschaft
nicht nur den Besiegten ruiniert, sondern auch den Sieger
auf den Hund bringt. Den Beweis haben wir vor Augen: das
wirtschaftlich, politisch, seelisch heute noch an den Kriegsfolgen
darniederliegende Europa. Nicht nur die Mittelmächte
haben den Krieg verloren, sondern ganz Europa hat ihn verloren.
Noch viel ärgere Verheerungen aber wird der Gaskrieg
der Zukunft anrichten. Und für ein solches Ende mit
Schrecken sollten nochmals Millionen von Menschen ihr Leben
opfern müssen? Das wäre doch wahrlich der Gipfel
des Wahnsinns!
Darum wird jeder vernünftige
Mensch in Europa, der seinem Vaterland und den anderen Völkern
einen zweiten Weltkrieg ersparen möchte, es freudig
begrüßen, daß jetzt endlich an die Erfüllung
des Artikels 8 der Völkerbundssatzung herangegangen
werden soll, welcher die allgemeine Rüstungsbeschränkung
fordert. Im Frühjahr dieses Jahres ist in Genf eine
Kommission für die Vorbereitung der Abrüstungskonferenz
zusammengetreten. An den Beratungen dieser Kommission hat
Deutschland, schon vor seinem Beitritt zum Völkerbund,
teilgenommen.
In der Tat ist die allgemeine Abrüstung
der springende Punkt des ganzen Friedensproblems.
Nach welchem Schlüssel sollen
aber die Rüstungen herabgesetzt werden? Hiezu hat der
Völkerbundsrat einen Fragebogen für die vorbereitende
Kommission ausgearbeitet, der reichlich kompliziert erscheint.
Gewiß, das Problem ist schwierig und kompliziert.
Aber man wird den zu erwartenden Widerständen gegenüber
schon ein wenig radikal und diktatorisch verfahren müssen.
Als man Deutschland entwaffnete, hat man auch nicht viel
Federlesens gemacht. Wozu nach einer Formel für die
Abrüstung suchen? Sie ist ja schon längst gefunden:
es ist die Abrüstung Deutschlands. Sie muß zur
Basis für die Verhandlungen gemacht und unter ausschließlicher
Zugrundelegung der Zahl der Einwohner auf alle Staaten in
Anwendung gebracht werden. Diese können um so unbedenklicher
die deutsche Entwaffnung als Maßstab anerkennen, als
kein anderes Land in militärgeografischer Hinsicht
so ungünstig daran ist wie Deutschland.
Hoffentlich sind die Herren Abrüstungskommissare
über die Bedeutung des Gaskrieges der Zukunft ganz
im klaren. Meist werden ja Hinweise darauf von rückständigen
Militärs mit den tapferen Worten: „Bange machen gilt
nicht“ abgetan. Wenn man aber die gewaltigen Aufwendungen
sieht, die England, Frankreich, Italien und auch Amerika
für Flugzeuge und Giftgaswaffen machen, wenn man die
enormen Fortschritte der militärischen Giftgasfabrikation
seit dem Weltkrieg bedenkt, und wenn man die Berichte liest,
die der Völkerbund von den größten chemischen
Autoritäten aller Länder erhalten hat, dann ist
jeder Zweifel ausgeschlossen, daß in einem kommenden
Krieg die Giftgase als Kampfmittel aus Flugzeugen und Geschütz
in allergrößtem Stile zur Anwendung kommen werden.
Dieses Kampfmittel ermöglicht es den Kriegführenden,
über die feindlichen Fronten und Etappen hinweg Giftgasangriffe
gegen die großen Städte, gegen die Industrie-,
Bergwerks- und Werftenbezirke, gegen die politischen Zentren,
gegen die Knotenpunkte des Handels- und Verkehrslebens zu
führen. Ein Schutz der Bevölkerung gegen Giftgase
ist nicht möglich. Man kann die Einwohner nicht mit
Gasmasken, wie mit Regenschirmen, ausrüsten, und wenn
man es könnte, würde es nichts nützen, denn
stark konzentrierte Gase durchdringen auch die Masken. Auch
der Bau von Unterständen für die Großstädter
ist praktisch nicht durchführbar. Und selbst wenn er
es wäre, so würde sich die Bevölkerung nicht
rechtzeitig bergen können, denn die Gasangriffe kommen
plötzlich.
Man kann sich sehr wohl vorstellen,
daß ein mit aller Energie erbarmungslos durchgeführter
Giftgaskrieg den Kriegswillen des Gegners leichter und rascher
zu brechen vermag, als es durch den langwierigen modernen
Schützengrabenkrieg möglich ist. Der Feldherr
der Zukunft wird also sein Operationsziel nicht wie bisher
nur im feindlichen Heer, sondern auch in der feindlichen
Wirtschaft erblicken. Diese wird er in erster Linie durch
den rücksichtslos geführten Gaskrieg zu vernichten
trachten.
Diese Betrachtung zeigt, daß
die Abrüstungskommission sich nicht nur auf die Abrüstung
zu Lande und zu Wasser einstellen darf, sondern daß
ganz besonders die Abrüstung in der Luft und die möglichste
Verhinderung der Anwendung der Giftgase zu ihrem Aufgabenkreis
gehören wird. Dazu muß gefordert werden: überstaatliche
Verbote der Herstellung, des Handels, der Einfuhr und Ausfuhr
von Stoffen, die dem Zweck des Giftgaskrieges dienen, soweit
sie nicht für eine lebenswichtige Industrie nötig
sind, und weitestgehendes Kontrollrecht des Völkerbundes
gegenüber allen in Frage kommenden staatlichen und
privaten Betrieben im Gebiet der chemischen Industrie und
der wissenschaftlichen Laboratorien.
Es ist wahr, daß durch die
materielle Abrüstung allein der Friede auf die Dauer
noch nicht verbürgt wird, sondern daß die völlige
Sicherheit erst dann erreicht sein wird, wenn die moralische
Abrüstung der Völker Tatsache geworden ist. Die
moralische Abrüstung wird aber durch die materielle
Abrüstung gefördert, und zwar um so mehr, je vollkommener
und gerechter diese durchgeführt wird.
1926, 45 Berthold von Deimling
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