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Website über
Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920
erschienene Sonntags-Zeitung.
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Vom Zehnmilliardenetat der deutschen Republik für
1929 nimmt der Wehretat rund 700 Millionen Mark in Anspruch;
davon sind 200 Millionen für die Marine. Wenn man
weiß, wie dieser Wehretat zustandekommt, dann weiß
man auch, daß ohne jede nähere Untersuchung
hundert Millionen bei der Marine und hundert beim Landheer
gestrichen werden könnten, ohne daß darum ein
Mann entlassen zu werden brauchte oder der Wert unserer
militärischen Rüstung Not litte.
Aber diese 700 Millionen sind
noch lange nicht unsere gesamten Rüstungskosten.
Es wäre eine Arbeit für Wochen, diese zusammenzutragen
und zu den gesamten öffentlichen Ausgaben in Deutschland,
die sich, vorsichtig geschätzt, auf 15 Milliarden
belaufen mögen, ins Verhältnis zu setzen. Versuchen
wir, in ganz groben Umrissen einen Begriff davon zu geben.
Zunächst ist daran zu erinnern,
daß die Reichswehr es verstanden hat, einen erklecklichen
Teil ihrer Ausgaben für Kasernenbauten, Exerzierplätze
und dgl. auf die Gemeinden abzuschieben, die sich ja darum
raufen, eine Garnison zu bekommen. Das „Andere Deutschland“
hat in seiner letzten Nummer allein aus Schlesien sechs
Städte aufgeführt, die zusammen über 6
Millionen Mark für Kasernenbauten ausgegeben haben.
Zweitens sind eine Reihe von
Ausgabeposten als „unsichtbare“ Rüstungsausgaben
anzusprechen, die gar nicht im Etat des Reichswehrministeriums,
sondern in anderen Abschnitten des Gesamthaushaltsplans
enthalten sind, vor allem in dem Etat des Verkehrsministeriums.
Hieher gehören die Subventionen für das Luftfahrwesen
und die Beihilfen für Firmen, die als Kriegsmaterialerzeuger
in Betracht kommen.
Drittens sind die Ausgaben für
die staatliche Polizei, ebenfalls rund 700 Millionen,
zu denen das Reich den Ländern Zuschüsse in
Höhe von 200 Millionen Mark beisteuert, zwar nicht
gerade durchweg, aber zu einem großen Teil Rüstungsausgaben.
Denn die staatliche Polizei ist in ihrem heutigen Umfang
und Wesen auch eine Art Militär, obwohl sie nur zu
inneren Zwecken bestimmt ist. Wenn sie sich nicht selber
als solches fühlen würde, wie hätte sie
dann die ehrenvolle Aufgabe übernehmen können,
in ihren einzelnen Landesabteilungen die „Tradition“ der
ehemaligen deutschen Kolonialarmee zu pflegen? (Die württembergische
Schutzpolizei z. B. ist Traditionstruppenteil der Südseeschutztruppe;
für uns Eingeborene immer ein merkwürdiges,
wenig ehrenvolles Bewußtsein.)
Taxieren wir alle diese Rüstungskosten,
die nicht im Reichswehretat stehen, zusammen auf 400 Millionen,
so wissen wir, daß wir deutsches Volk jährlich
über eine Milliarde Mark aufbringen, um den nächsten
Krieg vorzubereiten.
Dabei ist der letzte bekanntlich
noch nicht ganz abgezahlt. Die Versorgung von Kriegsbeschädigten
und Hinterbliebenen kostet im Etatsjahr 1929 etwa anderthalb
Milliarden; die Kriegsentschädigung zweieinhalb Milliarden
(davon über den Reichsetat anderthalb, eine weitere
zahlen wir über die Industrie- und die Eisenbahnobligationen).
Es gibt ein Sprichwort: Schaden
macht klug, oder: Gebrannte Kinder fürchten das Feuer.
Solche Weisheiten gelten aber,
ähnlich wie die Lehren des Christentums, nur im Privatleben.
Vielmehr: nicht einmal da.
1929, 16 Sch.
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