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Website über
Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920
erschienene Sonntags-Zeitung.
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W. T. B. : Berlin,
21. März 1931, 7 Uhr. Heute Morgen 1/2 5 Uhr haben polnische Freischärler östlich
von Schlochau die deutsch-polnische Grenze überschritten. Das Reichskabinett ist sofort
unter dem Vorsitz des Reichswehrministers Geßler
zu einer Sitzung zusammengetreten und hat für ganz Deutschland den Kriegszustand erklärt.
Extrablatt
des „Temps“: Paris, 21. März 1931, 7 Uhr M.E.Z. Wie Havas aus Warschau meldet, hat
ein deutsches Fliegergeschwader heute früh gegen 1/2 4 Uhr über verschiedenen polnischen
Dörfern, die im tiefsten Frieden lagen, Bomben abgeworfen und ist in Richtung Warschau
weitergeflogen. Die polnische Regierung hat daraufhin dem deutschen Gesandten die Pässe
zugestellt und die Mobilmachung angeordnet.
Berliner
Lokalanzeiger: Wie wir soeben (1/2 8 Uhr) erfahren, hat das Kabinett an Polen den Krieg
erklärt und in einer Verfügung angeordnet, daß die allgemeine Wehrpflicht im
Reich wieder eingeführt sei. Wir halten die letztere Maßnahme für gänzlich
überflüssig, sind wir doch voll und ganz davon überzeugt, daß alle Deutschen,
ohne Unterschied des Standes oder der Konfession, dem Ruf des längst ersehnten Augenblicks
folgen und zum heiligen Krieg gegen das räuberische Polenpack ausziehen werden.
Tägliche
Rundschau: Berlin, 22. März. Von besonderer, dem Auswärtigen Amt nahestehender
Seite erfahren wir: Seitdem Polen voriges Jahr den Ostlocarnopakt gekündigt hat, waren
unsere Beziehungen zu diesem barbarischen Volk sehr gespannt. Bisher haben die Geduld und der
Friedenswille unserer Regierung zwar den Ausbruch eines offenen Konfliktes immer noch verhindern
können, ob es aber diesmal noch gelingen wird, nachdem die polnische Armee ohne jeden Grund
Deutschland im tiefsten Frieden überfallen hat, das steht in Gottes Hand. Die Meldungen
von einer Kriegserklärung und der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht sind zwar
noch etwas verfrüht, wir stehen aber nicht an, zu erklären, daß wir diese Maßnahmen
je eher je lieber begrüßen werden. Denn der polnische Korridor muß jetzt endlich
einmal ausgeräuchert werden. Und wir haben über unsere Haltung nie einen Zweifel aufkommen
lassen: wir sind national bis auf die Knochen. Wie uns Herr Oberhofprediger Dr. D. Döhring,
dessen Kriegsabende im Weltkrieg noch in guter Erinnerung sein werden, gütigst mitteilt,
wird er heute Abend im Lustgarten einen Feldgottesdienst abhalten. Wir zweifeln nicht daran,
daß ganz Berlin aus seinen Worten Trost und Kraft für die kommenden schweren Tage
schöpfen wird. Gott segne unser deutsches Vaterland in dieser schicksalsschweren Stunde!
W.T.B.: Berlin,
22. März, 11.50 Uhr. Soeben hat sich Prinz Wilhelm von Preußen, der älteste
Sohn des Kronprinzen ,
als Freiwilliger beim 1. Gardekürassierregiment gemeldet. S. M. Kaiser Wilhelm hat
in Doorn einen Hausgottesdienst veranstaltet und den Segen Gottes auf die deutschen Waffen herabgefleht.
Dr. Wirth
im „Berliner Tageblatt“: Tief erschüttert steht jeder gute Europäer vor den
Trümmern seiner Arbeit. Menschenwerk! Und jetzt hat Gott gesprochen. Nocheinmal muß
Europa durch Blut schreiten, bevor es in Einigkeit und Brüderlichkeit den Tempel der Menschheit
errichtet. Aber diese Betrachtung von einem höheren Standpunkt aus darf uns nicht abhalten
von dem Bekenntnis: Wir sind unschuldig. Ja, unschuldig sind wir. Und das Blut aller deiner
Söhne, deutsche Republik, komme über die Missetäter jenseits der Weichsel! Der
junge Staat, dem wir im innersten Herzen anhangen, hat jetzt seine Feuertaufe zu bestehen. Auf
in den Kampf, deutsche Republik!
Vorwärts:
Berlin, 23. März. Wir haben uns bisher, da das Auswärtige Amt sehr schweigsam war,
jeder Stellungnahme enthalten und nur die amtlichen Nachrichten gebracht: den frevelhaften Überfall
polnischer Banditen, die Kriegserklärung Deutschlands an Polen, die deutsche Mobilmachung,
die Kriegserklärung Frankreichs an Deutschland (die mit der erlogenen Meldung, deutsche
Flugzeuge hätten Bomben über polnischen Dörfern abgeworfen, begründet wurde)
und den ersten herrlichen Sieg der deutschen Waffen bei Schneidemühl. Jetzt aber, nachdem
unser einstiger Reichspräsident Generalfeldmarschall v. Hindenburg
von Hannover nach Berlin geeilt ist (völlig aus eigenem Antrieb, und nicht, wie verblendete
Kommunisten behaupten, auf Veranlassung des Herrn v. Tirpitz )
und in tiefbewegten Worten zur Einigkeit und zum Gottvertrauen gemahnt hat, rufen wir dir, deutscher
Arbeiter, zu: Zieh in den Kampf für dein Vaterland, für Menschenwürde und Sozialismus!
Die Kommunisten aber mögen bei den nächsten Wahlen sehen, wohin sie mit ihrer landesverräterischen
Propaganda kommen.
Die Sonntags-Zeitung:
Weltkrieg, Ruhrkampf
und jetzt geht der Schwindel zum drittenmal los. Wer's noch nicht geglaubt hat, daß
die Menschen dumm und unbelehrbar sind, der weiß es jetzt ganz sicher. Deutschland rast
wieder vor Begeisterung, die Leute schlucken faustdicke Lügen wie himmlische Wahrheit,
und in allen Ländern laufen die Menschen in die Kirchen, um den Herrgott zu bitten, er
möge möglichst viele ihrer Brüder vergasen. Gottvater hat sich sicheren Nachrichten
zufolge entschlossen, das Ressort der Einzelseelsorge seinem Sohn zu übertragen, da er
selbst mit dem Segnen von Fliegerbomben und Granaten genügend beschäftigt ist. Eine
derart ekelh . . . (Der Rest des Inhalts ist von der Zensur gestrichen worden.)
1927, 38 Hans Lutz |