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Website über
Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920
erschienene Sonntags-Zeitung.
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Herr v. Hindenburg
feiert heute seinen 80. Geburtstag. Da er seit Tannenberg so etwas wie ein
deutscher Nationalheiliger ist, wird es ohne einen kleinen Hindenburgrummel
nicht abgehen. Auch linksstehende Blätter und Personen werden sich
ihm wahrscheinlich nicht entziehen können. Wir sind leider im politischen
Takt auf der einen und im Bürgerstolz auf der andern Seite noch nicht
so weit fortgeschritten, daß derartige Anlässe nicht peinlich
zu werden brauchten.
Hindenburg ist Präsident der
deutschen Republik. Wo er als solcher in angemessener Form
geehrt wird, da ist er nicht Person, sondern Symbol; und
kein Republikaner, auch nicht der schärfste politische
Gegner des Staatsoberhauptes, hätte Anlaß, sich
der Veranstaltung zu entziehen oder sie gar zu stören.
Aber Hindenburg ist auch kaiserlicher Generalfeldmarschall
und schwarz-weiß-rote Propagandafigur; er hat bei
aller Loyalität gegen die Republik, die man an ihm
seit Übernahme seines heutigen Amtes beobachtet hat,
die Beziehungen nicht aufgegeben, die mit seiner ehemaligen
Stellung zusammenhängen. Insbesondere scheint er sich
immer noch (trotz persönlicher Abneigung) durch seine
Soldatenpflicht an den einstigen „obersten Kriegsherrn“
gebunden zu fühlen; sonst hätte er ihm auf jenes
echt wilhelminische Telegramm am Tage von Tannenberg nicht
geantwortet. Und wenn der Geburtstag Hindenburgs mit Demonstrationen
sogenannter vaterländischer Verbände und monarchistischen
Flaggenparaden begangen wird,dann wird man es keinem Republikaner
zumuten können, mitzumachen. Das Reichsbanner Schwarz-rot-gold
hat recht, wenn es darauf verzichtet, in Berlin neben Werwölfen
und anderen Hakenkreuzlern Spalier zu stehen.
Auch an der ganz unbegründeten,
für Eingeweihte nahezu komischen Verherrlichung der
Person Hindenburgs wird sich niemand beteiligen können,
der über die Hindenburglegende Bescheid weiß.
Sollte der preußische Ministerpräsident a. D.
Adam Stegerwald nicht genügend darüber aufgeklärt
sein? Er ist der Verfasser eines schmalzigen Maternartikels,
den die Provinzpresse samt dem mit Lorbeerblättern
garnierten Bild des Jubilars schon vor längerer Zeit
veröffentlicht hat. Hindenburg kann nicht wohl in allen
Dingen „unser aller Vorbild“ sein; er ist kein „großer
Mann“; und seine Verdienste als Heerführer sind wahrhaftig
nicht gerade unbestreitbar. Stegerwald macht's ungefähr
wie jener Weingärtner, der von einem guten Jahrgang
zu sagen pflegte: „eigenes Gewächs“, und von einem
schlechten: „so hat ihn halt unser Herrgott wachsen lassen“.
Er schreibt nämlich von seinem Helden: „Er hat Erfolg
gehabt und wurde nicht stolz dabei. Er hat Unglück
über sich und seine Sache hereinbrechen sehen . . .,
und zerbrach selber nicht.“ Könnte man nicht auch versucht
sein, statt Erfolg „Glück“ zu setzen, und statt Unglück „Mißerfolg“? Das entscheidende Endergebnis des
von Hindenburg geführten Feldzugs war leider der Mißerfolg,
und man tut ihm weder Ehre an noch entspricht der geschichtlichen
Wahrheit, wenn man ihn für ganz unverantwortlich an
der Niederlage erklärt, auch wenn er selber robust
genug war, nicht an ihr zu zerbrechen.
Mit der Verantwortlichkeit der
Verantwortlichen ist es heutzutage bei uns etwas Merkwürdiges.
Man verfährt ganz nach jener oben zitierten Weingärtnerfilosofie.
Hat ein Diplomat, ein Minister, ein General Erfolg, dann
betet man ihn an, auch wenn der Erfolg mehr „Schwein“ als
Verdienst war. (Das ist immer so gewesen.) Hat der Mann
aber Mißerfolg, dann nimmt man ihm das nicht übel,
selbst wenn dieser Mißerfolg offenkundig nicht von „Pech“ kommt, sondern auf Unfähigkeit, Starrsinn, Übermut
zurückzuführen ist. (Das ist nicht immer so gewesen;
für solche Fälle hatte man früher und anderswo
Staatsund Kriegsgerichte oder die seidene Schnur.)
Das deutsche Volk, vielmehr eine
knappe Mehrheit dieses Volkes, hat seinen Hindenburg zum
Präsidenten gewählt, nachdem er den rechtzeitigen
Frieden verhindert und den Krieg verloren hatte, der für
ihn freilich nur ein großes Manöver gewesen zu
sein scheint.
Wir haben ihn nicht gewählt. Es sei ferne von uns, ihn zu beschimpfen,
wie man Ebert
beschimpft hat. Wir sind bereit, ihn als den Präsidenten der Republik
geziemend zu ehren. Aber wir möchten ihn dabei im Gehrock auftreten
sehen, nicht im Generalskostüm. Und wir lehnen es ab, ihn zu verehren.
1927, 40 Sch.
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