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Website über
Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920
erschienene Sonntags-Zeitung.
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Als ich im Herbst 1906 auf die Hochschule kam, habe ich
mich einer farbentragenden schlagenden Verbindung angeschlossen
und bin bald eines ihrer begeistertsten Mitglieder geworden.
Nicht blind begeistert: ich habe bald manche Mängel
gesehen, vor allem, daß das geistige Leben im Bund
nicht recht auf der Höhe war. Im Ganzen aber herrschte
ein gesundes, tüchtiges Leben. Wir waren 20 bis 30 „Aktive“, d. h. jüngere Semester, und ein Dutzend oder
mehr „Inaktive“, die mehr oder weniger heftig dem Abschluß
ihrer Studien zudrängten; das war so die rechte Zahl:
nicht so viel, daß nicht jeder jeden genau gekannt
hätte oder daß Sonderungsbestrebungen möglich
gewesen wären, aber auch nicht so wenig, daß
der Einzelne zu viel Arbeit für den Bund und keine
Möglichkeit gehabt hätte, Freunde zu finden. Unter
den 40 war eine große Zahl begabter Leute, und an
der Spitze stand ein 3. Semester, das aber bereits im praktischen
Leben gestanden hatte und ein halb Dutzend Jahre älter
war als wir anderen. Die Zusammensetzung war gut, und der
Bund strebte aufwärts, verfolgte seine Ziele geschickt
und mit Ausdauer. Man trug „Kulör“, d. h. Mütze
und Band, also mußte man im Anzug und Auftreten auf
sich halten; das taten wir, ohne daß wir Fatzken gewesen
wären. Und es wurde „Bestimmung gefochten“, also war
es in Ordnung, daß man auf dem täglichen „Hauboden“
regelmäßig sein Hemd durchschwitzte und sich
gegenseitig grün und blau schlug; die Erfolge auf Mensur
selber machten uns stolz, ohne daß wir unnötig „geramscht“, d. h. Zusammenstöße gesucht hätten.
Das Studium kam bei den Meisten nicht zu kurz, obwohl wir
nicht bloß fochten, sondern auch ritten, „spuzten“,
d. h. Ausfahrten machten, wanderten und tranken. Zucht
und Freiheit waren glücklich verbunden, ich verdanke
meinem Bund viel und habe allerhand auch für ihn getan.
Von 1910 ab man kann's auf das
Jahr hin angeben kam zu allen Verbindungen ein Nachwuchs,
der einen andern Geist mitbrachte. Wir hatten den volkstümlichen
Schwabengeist gehabt: aufrichtig, derb, kräftig in
Liebe und Haß, und für unsere Ideale begeistert;
der Bundeswahlspruch „Freundschaft, Ehre, Vaterland“ war
uns ehrlich das Höchste. Von 1910 ab wurde das anders,
jetzt kamen die Streber, die vom ersten Tag ab an Examen
und Karriere dachten, die Korrekten und Patenten, denen
Bügelfalte und modische Kravatte und gesellschaftlicher
Schliff das Höchste waren, und die statt dem Männertrunk
den Weibern nachliefen. Die Jungen kamen zum Bund nicht
mehr oder selten wegen „Freundschaft, Ehre, Vaterland“,
sondern weil gesellschaftlich was geboten war, und weil
man für später „Beziehungen“ bekam. Die „Alten
Herren“ wurden fürs Leben der Jungen immer wichtiger;
sie hatten der Aktivitas ein Haus gebaut, und diese fing
damit an, sich zum Klub zu entwickeln. Es gab Semester,
in denen es wieder besser war; im Ganzen wird Keiner, der
diese Jahre in Tübingen erlebt hat, die Veränderung
verkennen, die 1910 eingesetzt hat.
Der Krieg kam. Das Nationale
damit war ich ganz einverstanden gewesen hatte in allen
Verbindungen immer eine starke Rolle gespielt (parteipolitisch
war meine Verbindung nicht belastet gewesen). So war die
Begeisterung groß, und die meisten haben sich gut
geschlagen. Und im Feld fühlte man sich erst recht
zusammengehörig, oft ist einer stundenlang gelaufen
oder geritten, um einen Bundesbruder zu treffen. Und die
Familien der Alten Herren schickten allen von daheim Liebesgaben
mit einem Stück des dreifarbigen Bands, und mancher
ist mit dem Band um die Brust gefallen und begraben worden.
Es war echte, schöne Freundschaft, die Treue war unter
Bundesbrüdern kein leerer Wahn. Das kann keiner vergessen,
der mit dabei war.
Und doch hat mir der Krieg die
Augen geöffnet und hat meine Kritik an studentischer
Art wachsen lassen. Bei der Beförderung zum Offizier
wurde gefragt: hat er Beziehungen, ist er Akademiker, hat
er die Reife-Prüfung, das Einjährige, dann erst
zuletzt kam die einzige Frage, auf die es ankam: ist er
ein guter Soldat. Das war übel gewesen im Frieden und
wurde schamlos im Krieg. Jeder, der draußen war und
mit im Graben lag, hat unter der „Mannschaft“, d. h. den
Nicht-Einjährigen eine erstaunliche Anzahl Leute getroffen,
die nach Urteil, Charakter, soldatischer Eignung von niemand
zu übertreffen waren. Sie konnten, auch wenn sie 30
Monate im Feld waren, nicht Offizier werden man hat lieber
die windigsten, jüngsten Einjährigen befördert;
die paar Ausnahmen, wo etwa Mannschafts-Flieger die Achselstücke
bekamen, sind wirkliche Ausnahmen geblieben, in Württemberg
werden's noch keine drei sein. Das war das Eine, was ich
sah. Ich war niemals so blöd gewesen, die „besseren“
Leute ohne weiteres für die tüchtigsten Leute
zu halten, oder zu bezweifeln, daß unter dem „Volk“
gleich Tüchtige wären; aber daß „besser“
und tüchtig, und Arbeiter und weniger tüchtig
sich so wenig decken würden, das hatte ich nicht gewußt.
Alle Standesvorrechte, das war mir im Graben klar geworden,
mußten deshalb in Zukunft verschwinden, auch wenn
sie scheinbar harmlos waren. Der Student mußte aufhören,
Bestimmung zu fechten und außerhalb der Kneipe Mütze
und Band zu tragen. Das habe ich 1915 und 1916 in meinem
Bund beantragt, und als ich nicht durchdrang, 17 und 18
wenigstens Reformen erstrebt. Ein bißchen was hab
ich erreichen können, alles Wesentliche ist geblieben.
Mütze und Schläger durften
nicht bleiben, weil sie Standes-Vorrechte sind und wir zu
einem Volk verschmelzen mußten. Und es gab noch einen
anderen Grund, der nicht weniger wichtig war. Der Krieg
hatte ganz neue politische, wirtschaftliche, kulturelle
Verhältnisse geschaffen, den Geisteswissenschaften
ihre Rückständigkeit, Unfähigkeit, Weltfremdheit
bestätigt und ihnen zu den ungelösten und unerkannten
alten Aufgaben hin neue von höchster Lebensbedeutung
gestellt. Von den Universitätsprofessoren war kein
neuer Geist zu erwarten, die Hoffnung stand nur bei der
akademischen Jugend. Wenn die ihre Aufgabe erkannte und
ernst nahm, konnte sie kein Geld und keine Lust mehr haben
für Äußerlichkeiten und keine Zeit mehr
fürs Fechten (das als Gegenmittel gegen Saufen, Stubenhocken,
körperliche und geistige Verweichlichung und auch gegen
deutsche Formlosigkeit einmal eine Berechtigung haben konnte).
Wenn der Musensohn nicht Filister werden wollte, mußte
er volkstümlich bleiben und werden, und mußte
erstreben und suchen. Der Krieg, ob gewonnen oder verloren,
hatte alle Sachverständigen-Meinungen, alle „ehrwürdigen“
Überlieferungen und hochstehenden Überzeugungen
erschüttert; Volk und Staat mußten auf ganz neue
Grundlagen gestellt werden. Dafür hoffte ich auch auf
die akademische Jugend. Ich habe die Hoffnung begraben.
Die jungen Herren mit Mütze und Schläger haben
viereinhalb Jahre größten Erlebens verschlafen,
und haben nichts vergessen und nichts gelernt. Sie sehen
ihre Aufgabe darin, nationale Redensarten zu dreschen und
als Stütze des alten Systems sich gegen den inneren
Feind zur Verfügung zu stellen; sie verteidigen alte
äußerliche Kasten-Vorrechte, pflegen alte und
suchen neue „Beziehungen“. Die Studentenverbindungen haben
einmal Ideale gehabt; sie haben 1910 angefangen, Vergnügungsstätten
und Versorgungsanstalten zu werden; sie haben heute keine
Existenzberechtigung mehr. Student kommt von studere = sich
strebend bemühen, mit Ernst und Eifer suchen. Die heutigen
Studenten glauben alles gefunden zu haben; sie können
ihr Volk, dessen geborene Führer zu sein sie sich rühmen,
nicht erlösen das Volk muß sorgen, daß
es sich von seinen Herren Studenten erlöst, für
die es teures Geld bezahlt und die fortfahren, die Wissenschaft
zur Hure zu machen nach dem Vorbild ihrer Professoren,
die im Krieg „wissenschaftlich festgestellt“ haben, daß
der Mensch in Deutschland leben könne von dem, was
er auf deutsche Lebensmittelkarten bekam.
Ich bin gern froh mit Menschen,
von denen ich weiß, daß sie, wo's notwendig
ist, ernst sind; ich mache auch gerne Dummheiten mit leidlich
gescheiten Menschen. So bin ich Student gewesen und habe
mich wohl gefühlt.
Als die Staatsmaschine eingefahren,
die Klassenherrschaft von „Besitz und Bildung“ gesichert
war, da blieb es verborgen, wie unzulänglich der größte
Teil des akademischen Nachwuchses war. Heute ist der Einzelne
auf sich selbst gestellt, heute sollte der Akademiker suchen,
sich mühen, sollte zweifeln gerade am „Selbstverständlichen“,
sollte den Mut haben, selber zu denken, zum Erkannten aufrecht
sich zu bekennen dann müßte er in scharfen
Gegensatz zur „Gesellschaft“ kommen, weil er dann auf die
Seite des Volkes und des Volkstümlichen, Kraftvollen,
Natürlichen treten müßte. Statt dessen paradieren
die jungen Herrn mit Mütze und Schläger, sind
patent, wo wir 400 Milliarden Schulden haben, beweisen körperlichen
Mut (vielmehr: Beherrschtheit), wo die Zeit moralischen
Mut braucht, sind „der Väter heiligem Brauche treu“,
wo alle Grundlagen sich geändert haben.
Die jungen Herrn mit Mütze
und Schläger sind die Söhne des gutsituierten
Bürgertums. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
Unsoziale, verbildete Eltern haben Kinder, die in Zeiten
der schwersten Not nur an sich selber denken, auf ewig Gestriges
schwören und pfauenhaft eitel sind. Die Axt ist dieser
Bourgeoisie an die Wurzel gelegt.
1921, 4 Karl Hammer |