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Website über
Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920
erschienene Sonntags-Zeitung.
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Karl Hau ist tot. Gottes Mühlen mahlen langsam;
aber die der bürgerlichen Gerechtigkeit mahlen sicher.
Im Jahre 1907 hat man ihm das Leben abgesprochen: aber
Totgesagte leben lange; er wurde begnadigt und hat es
17 Jahre im Zuchthaus ausgehalten. Dann, vor anderthalb
Jahren, ist er weiterer „Gnade“ teilhaftig geworden: man
hat ihn entlassen, hinausgelassen in das Leben. Es war
ein ganz anderes geworden, während er unter den Begrabenen
gesteckt hatte. Luftschiff, Flugzeug, Weltkrieg, Republik,
Radio, Jazzband, Bubikopf er war fremd; alles war anders.
Er hat den Anschluß nicht mehr gefunden.
Vielleicht hätte er ihn
gefunden, wenn er hätte Wurzel schlagen, sich in
das neue Leben hineinleben, sich in die seelische, geistige
und leibliche Unmittelbarkeit des modernen Getriebes hineintasten
dürfen. Es ist ihm aber nicht beschieden gewesen.
Mit dem Rechtsfanatismus eines Kohlhaas hat er sich daran
gemacht, seine Reinigung zu betreiben. Obwohl er sich
hätte sagen können, daß das, was er durchgemacht
hat, mehr ist als die Reinigung, die eine etwaige nachträgliche
Freisprechung hätte geben können. Daß
er noch ein Plus, ein Guthaben hatte gegenüber dem
Gerechtigkeits-"Soll" dieser bürgerlichen Gesellschaft.
Die Frage, ob er schuldig gewesen ist oder nicht, war
völlig belanglos geworden für die Welt. Er
aber, sei es aus dem schmerzenden Bewußtsein heraus,
ein halbes Menschenalter lang unschuldig gequält
worden zu sein, sei es aus der Manie des Schuldigen heraus,
der die fixe Idee seiner Unschuld fanatisch verficht,
um in allererster Linie sich selbst zu überzeugen
(weil er ohne den Glauben an seine Makellosigkeit nicht
zu leben vermag) hat sofort den hartnäckigen Kampf
um seine Rehabilitierung aufgenommen. Er konnte nicht
vorwärts schauen, weil er keinen Grund unter den
Füßen spürte. Er schaute zurück und
suchte den längst in den Abgrund gestürzten
Boden, auf dem er wieder Fuß fassen zu können
hoffte.
Und dieses fiebernde Bemühen,
die Welt zum Glauben an sich und seine Unschuld zu zwingen,
entzog ihm auch das letzte Fußbreit Erdboden, auf
dem er hätte Atem schöpfen können zu neuem
Ausschreiten: seine Bücher machten die bürokratisch-farisäerhafte
Gesetzesgerechtigkeit wieder auf ihn aufmerksam. Der törichte
Steckbrief wurde erlassen: der 17 Jahre lang begraben
gewesen war, sollte aus dem Licht wieder zurück gezwungen
werden in die Düsternis des Kerkers. Hau floh.
Er wurde unstet. Ging nach Italien,
suchte eine Möglichkeit sein Leben zu fristen, fand
nichts, brach zusammen, verzweifelte und wurde schließlich
als unbekannter Toter, oder vielmehr als unbekannter Sterbender
denn er röchelte noch ins Krankenhaus Tivoli
in der Nähe von Rom eingeliefert. Starb. Ursache:
Schlaganfall oder Gift, mit 99 v. H. Wahrscheinlichkeit:
Gift.
Aber war das wirklich die Ur-Sache,
der Ur-Grund, daß dieses Leben so sinnlos ausgehen
mußte, daß dieser Mensch, der, als er das
Zuchthaus verließ, voll Gier nach dem Leben war,
nur in die Welt zurückgekehrt ist, um sie gleich
freiwillig zu verlassen? Die wahre Ursache hat doch wohl
in ihm selbst gelegen; aber er hätte vielleicht doch
noch seinen Platz, seinen Raum, seinen Daseinszweck gefunden,
hätte nicht eine kurzsichtige Justiz wieder einmal
den tötenden Buchstaben des kodifizierten Rechts
über den lebendigmachenden Geist der Gnade siegen
lassen.
1926, 14
Karl Hau ist im August 1924 aus dem Zuchthaus
in Bruchsal entlassen worden, nachdem er versprochen hatte,
seinen Fall ruhen zu lassen. Als er diese Zusage nicht
hielt und deshalb wieder verhaftet werden sollte, hat
er im März 1926 in Italien Selbstmord begangen.
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