|
Website über
Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920
erschienene Sonntags-Zeitung.
Probieren Sie's mit der Stichwortsuche:
|
 |
Im Juni 1924
ist der italienische Sozialist Matteotti von Fascisten ermordet worden. Im März 1926 sind
die Mörder teils freigesprochen, teils so verurteilt worden, daß sie in wenigen Monaten
wieder im Lichte (mussolinischer Gnade) wandeln werden. Mussolini, der Vergewaltiger des Rechts
und der Menschlichkeit, hat alle Ursache, die Sonne seines Wohlwollens über den Verurteilten
strahlen zu lassen: wer weiß, was sie aussagen würden, wenn sie aussagen würden!
Man weiß es nicht; aber man ahnt es, mit einer hundertprozentigen Ahnung, die noch schwerer
wiegt als unser einstweilen neunzigprozentiges Wissen.
Daß der Prozeß gegen
die Mörder Matteottis ein freches Theaterstück
sein würde, hat man zwar gewußt. Vor allem
bei uns in Deutschland hat man daran nicht gezweifelt:
denn wir haben schon genug ähnliche Fälle in
unserem eigenen Lande erlebt. Allerdings: daß die
blutbefleckten Buben es wagen würden, so frech, so
grotesk frech daherzulügen, wie es der Hauptschuldige
Dumini getan hat, hätten selbst wir uns nicht träumen
lassen. Er hat die Stirn gehabt, zu behaupten, Matteotti
sei an einem Blutsturz gestorben; und die Stichwunden,
die sein armer, zerfetzter Körper aufwies, seien
Wanzenstiche gewesen, die er sich selbst aufgekratzt habe.
Ein für nichtitalienische
Richter besonders lehrreiches Kapitel ist der Urteilsspruch
über die drei Mörder Dumini, Volpi und Poveromo,
die nicht wie ihre Komplizen freigesprochen worden sind.
Sie wurden verurteilt zu je 12 Jahren Gefängnis,
wegen Mordes? nein: wegen Totschlags ohne Vorbedacht.
Da man aber nicht feststellen konnte, wer der eigentliche
Mörder war, wurden jedem 5 Jahre abgezogen. Rest:
7. Nun hatten die Geschworenen mildernde Umstände
anerkannt. Dafür gab's wieder einen Abzug. Wie man
ihn ausgerechnet hat, mögen die Götter wissen;
fest steht, daß als Strafe blieben: 5 Jahre 11 Monate
20 Tage. Aber der Mord hatte ja politische Gründe,
und für politische Verbrechen existiert eine Amnestie.
Darum waren 4 Jahre der Strafe zu erlassen. Endergebnis
also: 1 Jahr 11 Monate 20 Tage. Und die haben die Kerle
bis auf wenige Wochen schon abgesessen. Also werden sie
bald frei. Und alles ist zufrieden: die Richter, die Mörder,
die Fascisten und Mussolini.
Das ist das Gesicht des Fascismus.
Gewissenlos, brutal, frech, hohnvoll, solange er sich
im Besitz der Macht weiß: so grinst er uns an
jenseits der Alpen oder diesseits: es ist überall
das gleiche.
Das einzig Schöne, Starke
und Würdige in der Geschichte des Matteottiprozesses
ist der Brief an den Präsidenten des Schwurgerichts
von Chieti, durch den die Witwe Matteottis, die als Nebenklägerin
aufgetreten war, ihre Klage zurückzog, als sie merkte,
wie man diesen Prozeß führen würde. Er
heißt: „Exzellenz! Die Ermordung Giacomo Matteottis,
die für mich und meine Kinder eine Tragödie
ist und als solche von jedem freien Menschen in Italien
empfunden wurde, hatte in mir den Glauben geweckt, daß
der Ruf nach Gerechtigkeit nicht ungehört verhallen
würde; dieser Glauben hat mich in meinem äußersten
Jammer aufrechterhalten und mich bewogen, als Privatklägerin
aufzutreten. Aber in den Wechselfällen der Untersuchung
und durch die jüngste Amnestie ist der Prozeß
der wahre Prozeß nach und nach wesenlos geworden.
Was heute von ihm bleibt, ist nur ein Schatten. Ich hatte
keinen Haß auszudrücken und keine Rache zu
fordern; ich wollte nur Gerechtigkeit. Die Menschen haben
sie mir verweigert; ich werde sie von der Geschichte empfangen
und von Gott. Ich ersuche Sie daher, mir zu erlauben,
dem Prozeß fernzubleiben, der mich nichts weiter
angeht. Meine Anwälte, die auch in diesem Augenblick
mit mir solidarisch sind, werden meiner Entscheidung rechtskräftige
Form geben. An Sie, Exzellenz, richte ich die Bitte, mich
der Qual, vor den Assisen zu erscheinen, zu entbinden.
Es würde mir vorkommen, als ob ich dadurch das Andenken
Giacomo Matteottis beleidige, für den das Leben etwas
furchtbar Ernstes war, jenes Andenken, um dessentwillen
ich weiterlebe, einsam und zerrissen, und in dessen Licht
ich meine Söhne zu stolzen und furchtlosen Menschen
erziehen will, wie ihr Vater einer war. Mit Hochachtung
Velia Matteotti.“
Das ist die Sprache einer Römerin.
Wenn der Duce, der große Schuldige, der in Chieti
nicht vor den Schranken gestanden hat, nicht vor lauter
Cäsarenwahnsinn taub geworden wäre für
die Stimme der großen, edlen und freien Gesinnung,
müßte er sich wie ein Hund in seine Hütte
verkriechen, in der Erinnerung an seine eigenen, verlogenen,
großmäuligen Frasen.
Aber bei uns im kühlen,
vernünftigen Norden erkennen sich nicht einmal kleinere,
spießbürgerlichere, gesündere fascistische
Maulhelden selbst was kann man da von einem Irrsinnnigen,
Größenwahnsinnigen unter der heißen italienischen
Sonne erwarten?
1926, 14
Der Urheber des Mordes an Matteotti ist
Mussolini. Zwischeninstanz zwischen ihm und den Mördern
war sein Pressechef Rossi, der nachher ins Ausland floh
und Mussolini beschuldigte. Rossi ist im August 1928 von
der Schweiz aus auf italienisches Gebiet gelockt, verhaftet
und im September 1929 zu 30 Jahren Zuchthaus verurteilt
worden.
|