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Website über
Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920
erschienene Sonntags-Zeitung.
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Am 9. April 1927 sind in Boston die beiden italienischen
Arbeiter Sacco und Vanzetti zum zweitenmal zum Tode verurteilt
worden. Dieser Fall Sacco-Vanzetti ist ein Beispiel politischer
Rechtsprechung und ungerechter Handhabung der Justiz,
wie es die Fälle Dreyfus in Frankreich, Fechenbach
und Hölz in Deutschland waren. Die beiden Italiener
sind am 5. Mai 1920 verhaftet worden unter der Beschuldigung,
am 15. April desselben Jahres zwei Angestellte einer Firma
in South Braintree (Mass.) ermordet zu haben. Die beiden
Ermordeten hatten Lohngelder zu transportieren und wurden
vor einem Schuhladen von einer Bande, die damals in den
Neu-Englandstaaten die Beraubung von Kassenboten zu ihrer
Spezialität gemacht hatte, getötet. Die Bande
entfloh in einem Auto mit den 15 750 Dollars, die ihr
in die Hände gefallen waren.
Seit 1920 sind die beiden Unschuldigen
in Haft; nach dem vor wenigen Wochen ergangenen letzten
Todesurteil sollen sie in der Woche vom 10. bis 16. Juli
dieses Jahres hingerichtet werden. Der Grund, aus dem
sie verhaftet wurden, ist ein politischer: sie waren Anarchisten
und hatten gerade in jener Zeit eine Reihe von Protestkundgebungen
organisiert, in der sie gegen die amerikanische Justiz
zu Felde zogen, weil der italienische Arbeiter Andrea
Salsedo ohne Angabe von Gründen festgenommen und
acht Wochen in Haft gehalten worden war; bis er schließlich
als Leichnam wieder in Freiheit gesetzt wurde. (Auch nachträglich
ist die Verhaftung Salsedos nicht begründet worden.)
Sacco und Vanzetti waren also der amerikanischen Justiz
sehr unbequem; um sie zu vernichten, wurde die schlecht
aufgezogene Anklage wegen Raubmords gegen sie erhoben.
Das Verfahren gegen sie ist die in legaler Form ausgeführte
illegale Absicht, zwei Gegner korrupter Justiz zu ermorden.
Ein Beispiel, das auch in europäischen Ländern
seine Parallelen hat.
Es ist Sacco und Vanzetti weder
irgend eine Beziehung zur Verbrecherwelt nachzuweisen
gewesen, noch hat man einen Anhaltspunkt für die
Auffindung der übrigen Mitglieder der Bande die
doch irgendwie zu den beiden Verhafteten in Beziehung
stehen müßten gefunden. Schon in der ersten
Hauptverhandlung, 1921, haben zehn Zeugen beschworen,
daß Sacco zurzeit des Mordes in Boston sich befand;
noch mehr haben beeidigt, daß Vanzetti gleichzeitig
in Plymouth (in Amerika, nicht in England) war. Trotzdem
ist schon damals, 1921, ein Todesurteil gefällt worden.
Und das, obwohl dreizehn von der Staatsanwaltschaft geladene
Zeugen keinen der beiden Angeklagten identifizieren konnten,
zweiundzwanzig andere Zeugen bestimmt erklärten,
daß keiner der beiden am Überfall beteiligt
gewesen sei. Von den fünfen, die Sacco und Vanzetti
als die Mörder indentifizierten, waren drei unglaubwürdig:
zwei wegen ihres Charakters und einer wegen der Widersprüche,
die zwischen seiner Aussage und der anderer Zeugen bestand.
Die übrigen zwei waren zwei
Mädchen, die genau einundeinviertel Sekunden lang
das Auto mit der Räuberbande hatten vorbeiflitzen
sehen. Diese Zeit hat ihnen genügt, um von Sacco
(über Vanzetti konnten sie überhaupt nichts
aussagen) eine ganze Fülle von Einzelheiten zu erkennen,
z. B. daß der Mann ein wenig größer war
als sie, ungefähr 140-145 Pfund wog, sauber rasiert
war, dünne Wangen, dunkle Brauen, dunkles Haar, hohe
Stirn, grünlich-weiße Gesichtsfarbe, gestraffte,
kantige Schultern hatte, das Haar zurückgekämmt
trug; daß dieses Haar „zwischen zwei und zweieinhalb
Zoll lang“ war; daß er ein grünes Hemd trug
und ein klar und fein geschnittenes Gesicht hatte. „Er
war ein muskulöser, tatbereit (active) aussehender
Mann und hatte eine starke linke Hand, eine mächtige
Hand.“ Das alles in knapp einer Sekunde erfaßt?
Wie man's nimmt: in der Voruntersuchung haben die beiden
Mädchen sich nicht getraut, Sacco zu identifizieren;
aber einige Wochen später erklärte dann die
eine, Miß Splaine, daß ihr durch „Überlegen“
die Gewißheit gekommen sei. Und die andere schloß
sich ihr an.
Seit sieben Jahren sind Sacco
und Vanzetti unschuldig im Gefängnis. Die Sozialisten,
Kommunisten, wirklich liberalen, wirklich demokratischen
Menschen vieler Länder, auch Amerikas, haben in unzähligen
Protesten die Freilassung der beiden Opfer einer verkommenen
Justiz gefordert: umsonst die Bourgeoisie will ihr Opfer
haben. Ihr schlägt bei diesem Justizmord auch nicht
eine Minute lang das Gewissen.
1927, 18
Sacco und Vanzetti sind am 23. August
1927 in Boston auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet
worden, nachdem der Gouverneur von Massachusetts, Fuller,
eine Begnadigung abgelehnt hatte.
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