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Website über
Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920
erschienene Sonntags-Zeitung.
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Die Berichte
vom Berliner Kriegsschauplatz des ersten Mai 1929 sind zwar je nach der Parteistellung der Berichtenden
ebenso verschieden wie etwa die über eine Schlacht im Weltkrieg, aber es gibt doch einige
Tatsachen, die von niemand mehr bestritten werden können. Z. B. folgende:
1. Im Laufe
des ersten Mai ist in Berlin das polizeiliche Verbot von Maifeiern, abgesehen von einigen kleineren
Ansammlungen, die rasch zerstreut wurden, nicht übertreten worden. Diese Feststellung (wie
auch die, daß keine eigentlichen Kämpfe stattgefunden haben) richtet sich in gleichem
Maße gegen die Verteidigungsversuche der Polizei wie gegen die blutigen Frasen der Kommunisten
und einige bombastische Telegramme aus Moskau, die von „Revolution“ usw. reden.
2. Die Schießerei
ist von der Polizei begonnen worden. Ob Zivilisten überhaupt geschossen haben, ist fraglich.
Jedenfalls ist nur ein einziger Polizist durch einen Schuß verletzt worden, und zwar aus
Versehen von einem Kollegen.
3. Die Polizei
hat z. T. ohne jede Warnung Passanten erschossen. In den meisten Fällen begann sie sofort
nach dem Warnruf „Straße frei!“ mit der Schießerei.
4. Die Polizei
hat ganz unbeteiligte Menschen aus Wohnungen herausgeschleift, mißhandelt und verhaftet.
Schon die paar Prozesse, die in Moabit im Schnellverfahren verhandelt worden sind, zeigen das
sehr deutlich.
Außerdem
werden eine Unmenge einzelner Beispiele von rohem und sinnlosem Vorgehen der Polizei berichtet.
Sie hat z. B. Menschen, die auf Verkehrsinseln die Straßenbahn erwarteten, ohne jede Warnung
mit dem Gummiknüppel auseinandergetrieben, hat in den abgesperrten Stadtteilen blindlings
die Straßen hinabgeschossen und in Wohnungen hineingefeuert und hat auch aus den abgesperrten
Bezirken heraus mit Maschinengewehren in freigegebene Straßen geschossen usw. Das Ergebnis
von fünf Kampftagen war daher auf Seiten des „Zivils“: 24 Tote, 73 Schwerverletzte, über
hundert Leichtverletzte, auf Seiten der Polizei: kein Toter, 4 Schwerverletzte, 43 Leichtverletzte,
unter ihnen, wie gesagt, nur ein einziger durch einen Schuß Verletzter.
„Soll dies
künftig rechtens in Preußen sein, daß die Polizei, wenn eine ihrer Vorschriften
von einer kleinen Rotte Menschen wirklich oder vermeintlich nicht befolgt wird, plötzlich
ganze Stadtteile abriegeln, in die Fenster knallen, total unbeteiligte Menschen aus Wohnungen
zerren, mit Gummiknüppeln lahm und krumm schlagen und wie Treibwild niederschießen
darf? Soll es zur Maxime werden, daß Städte oder Stadtteile des eigenen Landes wegen
irgendwelcher polizeiwidriger Akte einzelner Einwohner insgesamt als Kriegsgebiet behandelt
werden können?“ Fragt das „Tagebuch“.
Die Antwort
auf diese Frage wird lauten müssen: das hängt von der Ausbildung der Polizei ab. Nach
der Revolution, als der Glaube an das Wort „Der Mensch ist gut“ noch stärker war, hat man
viel davon gesprochen, der Polizist müsse der „Vertrauensmann der Straße“ sein. Heute
wagt man kaum mehr davon zu reden. Denn heute ist die Ausbildung der Polizei, des „zweiten Heeres“,
ganz militärisch. Die Polizei wird auf den Bürgerkrieg trainiert. Nach einem Artikel
in der Beamten-Korrespondenz „Beko“ haben die jungen Polizeianwärter jeden vierten Tag
einmal einige Stunden Unterricht im Polizeidienst, im übrigen aber werden sie militärisch
gedrillt. Auf der Polizeioffiziersschule ist es nicht anders. Die Leiter halten sich an die
Übungsmethoden des alten Generalstabs, teils weil sie selber noch in dieser Mentalität
leben, teils weil es die Vorschriften verlangen. Bei den von Zeit zu Zeit stattfindenden Offiziersbesprechungen
z. B. erhalten die Offiziere in versiegeltem Umschlag taktische Aufgaben für den Bürgerkrieg
gestellt, die sie mit Bleisoldaten zu lösen haben. In den Maitagen haben die Offiziere
die jungen Polizeimannschaften (man hat zum größten Teil ganz junge Leute „eingesetzt“)
dann genau so in den „Krieg“ geführt wie sie es am Sandkasten gelernt haben.
Im September
vorigen Jahres hat Ignaz Wrobel in einem Artikel der „Weltbühne“ auf ein Buch „Polizeiverwendung,
dargestellt an Aufgaben, Buch II, Beim Einsatz im Stadtgebiet“ von K. v. Oven hingewiesen. Wenn
man heute diesen Artikel und die darin angeführten Zitate aus Ovens Buch liest, dann ist
man über das Vorgehen der Polizei in den Maitagen nicht mehr erstaunt: die Praxis entspricht
haargenau der Theorie, in der von nichts anderem die Rede ist als von „Einsatz“, „Stoßrichtung“, „Kampfweise der Aufständischen“, „Ablieferung von Gefangenen“ usw. Es ist also gar kein
Wunder, wenn man heute, wie die „Frankfurter Zeitung“ in einem Bericht über die Maitage
es getan hat, feststellen muß: „Die Aufgabe ist typisch polizeilich, der Einsatz an Mannschaften
aber und das Vorgehen ist militärisch.“
Die Vorschriften
für die Ausbildung der Polizei sind militärisch und die Lehrer und Offiziere leben
in militärischem Geist man muß also die Ausbildungsvorschriften und die Personalpolitik
ändern. Für beides ist das preußische Ministerium des Innern verantwortlich.
Hier sitzt zwar der Sozialdemokrat Grzesinski an der Spitze, aber man merkt nichts davon. Ob
er nicht kann oder ob er nicht will, weiß ich nicht. Jedenfalls hat der Ministerialdirektor
Klausener, der Leiter der Polizeiabteilung, mehr Einfluß auf die Polizei als Grzesinski.
Hier müßte man also mit dem Ausputzen anfangen.
Wahrscheinlich
geschieht aber nichts. Höchstens werden ein paar reaktionäre Polizeioffiziere, die
sich durch besonders rohes Vorgehen bemerkbar gemacht haben, versetzt. Zehn gegen eins zu wetten:
als Lehrer an eine Polizeischule. Damit die Tradition erhalten bleibt.
1929, 20 Hermann
List
1. 5. 1929: Während der Maikundgebungen kommt es in vielen Städten zu Unruhen.
In Berlin gehen 13.000 Polizisten gewaltsam gegen Demonstranten vor. Neun Menschen sterben,
63 werden schwer verletzt.
3. 5. 1929: Nach neuen Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei verhängt
der Berliner Polizeipräsident ein „Verkehr- und Lichtverbot“ über die Berliner
Bezirke Wedding und Neukölln. Es wurden insgesamt 33 Demonstranten getötet, weitere
198 Demonstranten sowie 47 Polizisten wurden verletzt. |