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Website über
Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920
erschienene Sonntags-Zeitung.
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In Deutschland wird auf die Bürokratie mit innerer Genugtuung geschimpft. Und mit Recht.
Denn es gibt nichts, was die kleinen Alltäglichkeiten so gallig und widerwärtig
machen kann wie der Amtsstubenmuff. Der Bürger ruhig, wie er ist steckt alle Zurechtweisungen
und Gedankenlosigkeiten ein, bis er gelegentlich eines Renkontres mit einem im Frühstück
gestörten Beamten in „Eingesandt“ oder Schimpfkanonade seinem Herzen Luft macht. Dadurch
fühlt er sich befreit bis zum nächstenmal. War er im wilhelmischen Deutschland
bösartigen Charakters, so trug er nach und wählte rot. Seine subalterne Gesinnung
unterschied sich im Grunde garnicht vom Aktenmenschen. Da die täglichen Kleinigkeiten
den Charakter bekunden und bilden, ist der Bürokratismus nicht eine nebensächliche
Lächerlichkeit, über die man hinwegsehen könnte, er ist ein kulturpolitisches
Charakteristikum des Deutschen. In den Amtsstuben wird dieser stickige Geist zwar in Reinkultur
gezüchtet, bei näherem Zusehen aber macht er sich überall breit: in Schule,
Haus und Wirtschaft, am Stammtisch wie auf der Wanderung. Er gedeiht zwischen Tintenfaß
und Aktenständer auf dem Boden der Pensionsberechtigung am besten, aber das ganze öffentliche
Leben ist infiziert. Nur daß man dann nicht mehr von Bürokratismus spricht, sondern
von Banausentum, Kleinigkeitskrämerei, Engstirnigkeit. Insofern ist der Beamte entschuldigt.
Wenn das
Kind zum ersten Male in das kultusministeriell vorgeschriebene Heft mit genehmigter Feder
einen regelrechten Satz schreibt, fließt der trübe Geist der Beschränktheit
mit ein. Der Jüngling nach bestandener Promotion bzw. Staatsarbeit „über das Wenn
und Aber bei Heinrich von Veldecke“ nimmt den dicken Muff mit ins Leben hinaus, der, elementar
zerlegt, aus folgenden Grundstoffen sich zusammensetzt: Besserwissen, Vorrecht, Minderwertigkeit
der Nebenmenschen, Anciennität als Prinzip. Lehranstalt und Universität beglaubigen
im Diplom die durch Examen erhärtete Zusammensetzung des Muffs. Ein Esel attestiert dem
anderen die Qualifikation. Gleich ob Jurist, Filologe oder Militäranwärter, hat
der Prüfling gelernt, das Leben zu rubrizieren, alle vorkommenden Fälle begrifflich
zu subsumieren unter bekannte Größen. „Was man nicht deklinieren kann, sieht man
als Aktenrest dann an.“ In Praxi heißt man dies: nach Schema „F“ arbeiten. Es gibt keinen
Beruf, der davon frei wäre.
Bei aller
Lächerlichkeit hat dieser muffige Geist seine sehr, sehr ernste Bedeutung. Bismarck beklagte
sich mit Recht über den Ehrgeiz der Geheimräte, das Volk mit einem Gesetz zu beglücken,
über dessen Materie sie als Assessoren einmal nachdenken durften. Die moderne Art der
Gesetzgebung ist ein legitimes Kind dieser Gesinnungsart, genau so wie die überhebliche
Verwaltung. Gesetzgebungsarbeit ist auch Schema F-Arbeit nach vorgeschriebenen Formularen.
Das Ungewöhnliche, aber eminent Wichtige bleibt Aktenrest: „Das haben wir noch nicht
gehabt.“ Das ist ganz hoch oben genau so wie unten. An irgend einer Stelle zu reformieren,
wie es die Amtsknechte an der Rotationspresse verlangen, hat gar keinen Zweck. Was ist bei
der Reform des Auswärtigen Amtes herausgekommen, wie steht es mit der Vereinfachung der
Verwaltung, was kosten die 100 000 Söldner? Schon durch die Kleinigkeit hätte die
sog. Revolution einen Sinn bekommen, sämtliche Akten zu verbrennen und 14 Tage alle Amtstuben
mit ihren Insassen auszulüften. Aber die Akten blieben, nur verschwanden die 14 Tage,
da es krachte, die Schreiberseelen auf den Locus.
Ich weiß
sehr wohl, daß dieser Geist nicht auf mechanischem Wege, weder mit Gewalt noch mit Zureden,
auszurotten ist. Er ist die Frucht einer total falschen Erziehung und Selbsteinschätzung
des Menschen. Des Menschen? Verzeihung, des Mannes mit Examen, Titel, Grad, Anwartschaft.
Und Einschätzung dessen, was man Staat nennt, dieser Institution im Range der Götterschaft.
Die Erziehung ist in ihrer Vermittlung von Kenntnissen ganz auf den zukünftigen Beruf
eingestellt, die humanistischen Schulen (in Preußen nach Humboldts Plan) präparieren
geradezu den Beamten; jeder Charakterbildung ist sie abträglich. Die Selbsteinschätzung
redet sich Unentbehrlichkeit, Würde an, die garnicht vorhanden sind. Aber der Staat bestätigt
durch Lebenslänglichkeit und besonderen Schutz (vor Beleidigungen beispielsweise) diese
hohe Auffassung. Aber es bleibt ein Unsinn, solch hämmorhoidale Seifenblasen auf Kosten
der Mitmenschen, die sich obendrein anöden lassen müssen, zu konservieren.
Mit Verfügungen
einsichtiger Minister ist es also nicht getan. Im Gegenteil: die überragendste Kraft
würde sich nutzlos vergeuden im Kampfe gegen subalterne Stupidität und Passivität.
Wir wollen darum die Herren, die sich aus Idealismus (selten) oder persönlichsten Gründen
dazu hergeben, den leerlaufenden Mechanismus mit ihrem Namen zu decken, bedauern und Verständnis
haben für Adolf Hoffmanns lebenskluges Wort: „Mir sieht hier Keener wieder.“
Manchmal gelüstet einen nach einem Gewaltmenschen, wie etwa Friedrich
II. es war, der die Kraft dazu hatte, auszumisten, wo Faulheit, Klischee
und Überheblichkeit sich breitmachen. Der Fall Deutschland ist aber
anscheinend hoffnungslos, weil wir Spezialisten keine Menschen mehr haben,
die die großen Zusammenhänge sehen.
1921, 33 Ludwig H. Schmidts
Nicht zu jedem Amt gab Gott auch den Verstand; es müßte
sonst weniger Ämter geben.
1924, 45 M o m o s
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