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Website über
Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920
erschienene Sonntags-Zeitung.
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Vor einigen Wochen haben ein paar russische Flieger auf
einem Europarundflug auch in Rom einen Besuch gemacht und
sind dort festlich empfangen worden: Begrüßung
mit Fascistengruß und Händedruck, Reden, Gelage
und was so dazugehört. Diese „Verbrüderung zwischen
Bolschewisten und Fascisten“ war natürlich für
die sozialdemokratischen Zeitungen ein gefundenes Fressen.
In der ganzen Welt rufen die Kommunisten zum Kampf gegen
den Fascismus auf, aber in Rom lassen sich bolschewistische
Flieger von Mussolini und seinen Anhängern feiern und
bejubeln das war ein so augenfälliger Gegensatz,
daß die Sozialdemokraten unmöglich ihren Spott
zurückhalten konnten; und ihr Spott war ja ganz berechtigt.
Aber kaum war das Propellergesurr
der bolschewistischen Flugzeuge über Rom verklungen,
da erschienen in Kiel italienische Kriegsschiffe. Die Besatzung
wurde von den Kieler Behörden festlich empfangen: Begrüßung
mit Händedruck, Reden, Gelage und was so dazu gehört.
Der Oberpräsident von Schleswig-Holstein lud die fascistischen
Offiziere zu einem Bankett in ein Hotel ein und sprach dabei
vor seinen Gästen von der „Freundschaft des deutschen
Volkes, das, wenn es einmal erkennt, daß eine Hand
ihm in Freundschaft dargeboten wird, diese Hand ergreift
und herzlich drückt“. Der also geredet hat, war kein
Anhänger Hugenbergs,
sondern ein Sozialdemokrat, Kürbis mit Namen.
Während er sich bei Wein und
Braten mit den fascistischen Offizieren verbrüderte,
sammelten sich vor dem Hotel Arbeitslose und brachen in
die Rufe aus: Nieder mit dem Fascismus! Wir haben Hunger!
Gebt uns Arbeit und Brot! Aber gegen Arbeitslose hat ja
ein sozialdemokratischer Oberpräsident ein wirksames
Mittel: den Gummiknüppel. Die Polizei „säuberte“
also den Platz vor dem Hotel und zeigte so den tafelnden
Fascisten, daß man auch in Deutschland mit dieser
Waffe umzugehen weiß. Haben die kommunistischen Zeitungen
nicht recht, wenn sie schreiben: „S.P.D. feiert fascistische
Offiziere“, und mit Spott und Empörung über die
Sozialfascisten herziehen? Doch, sie haben recht.
Aber nur drei Tage lang. Denn kaum
war der Rauch der italienischen Kriegsschiffe am Horizont
verschwunden, da traf in Pillau ein sowjetrussisches Geschwader
ein und wurde feierlich empfangen: Begrüßung
mit Händedruck, Reden, Gelage und was so dazugehört.
Ein deutscher Seeoffizier sagte in seiner Begrüßungsansprache
u. a.: „Es ist mir eine besondere Freude, Ihnen, Herr Kapitän
Smirnow, meinen Glückwunsch zu dem vorzüglichen
Aussehen der Torpedoboote „Lenin“ und „Rykow“ und zu der
tadellosen Haltung Ihrer Mannschaften zum Ausdruck zu bringen.
Wir teilen die Freude der Sowjetregierung an den Erfolgen
der Aufbauarbeit auch Ihrer Flotte.“ Und in Berlin, wo für
den russischen Konteradmiral noch ein besonderer Empfang
veranstaltet wurde, brachte ein deutscher Admiral ein Hoch
auf die Sowjetflotte und die Völker der Sowjetunion
aus und wünschte der Sowjetunion „zum Ausbau ihrer
Seeschiffahrt vollen Erfolg“.
Diese „Verbrüderung“ der deutschen
und der russischen Offiziere ist natürlich von den
sozialdemokratischen Zeitungen wieder zur Verspottung der
Kommunisten, deren russische Bundesgenossen mit deutschen
Offizieren tafeln, benützt worden. Und haben sie nicht
recht?
Doch, sie haben natürlich
recht. Es haben beide recht: die Sozialdemokraten und die
Kommunisten. Leider aber hört man von ihrem Spott immer
nur dann etwas, wenn gerade die andere Partei sich einen
Verstoß gegen das „proletarische Empfinden“ hat zuschulden
kommen lassen.
1929, 34 Jan Hagel
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