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Website über
Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920
erschienene Sonntags-Zeitung.
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Der ganze Bereich des organischen Lebens unterliegt dem
Gesetz der Mechanisierung. Dieses Gesetz besagt, daß
jede neue Bewegungsart, jeder neue Ausdruck, zu dem die
rastlos vorwärts drängende Entwicklung auf ihrem
Wege gelangt, durch häufige willkürliche Wiederholung
allmählich unwillkürlich, instinkthaft, mechanisch
wird. Und dieses Gesetz macht einen eigentlichen geistigen
Fortschritt überhaupt erst möglich. Denn nur
wenn das Erreichte als abgetan und gesichert in den Hintergrund
des strebenden Bewußtseins geschoben werden kann,
werden dessen Kräfte zu darüber hinausgehenden
neuen Leistungen verfügbar. So beobachten wir denn,
daß tatsächlich alles, was der Geist auch
der individuelle erarbeitet, alsbald in festen Formen
erstarrt, die bequem aufbewahrt und weitergegeben werden
können. Eine ungeheure Energieersparnis, ohne Frage!
Nur leider zugleich auch ein Hindernis für eine wahrhaft
freie und fruchtbare Weiterentwicklung!
Wir erkennen das am deutlichsten
wohl bei der Sprache, diesem ungeheuren Speicher für
überkommene Erkenntnisse. Die Formen, deren sie sich
bedient, um einmal Gedachtes vor dem Untergang schützen
und ohne Schwierigkeit andern vermitteln zu können,
sind die Worte, und Worte sind Lautzeichen für Begriffe.
In den Begriffen fassen sich nicht nur die Dinge, sondern
auch bereits die ersten Urteile über die Dinge zusammen.
Sie sind die zugesiegelten Notenpakete, durch deren Austausch
der Gedankenverkehr der Menschen geregelt wird. Unglücklicherweise
sind diese Pakete nun aber ebensowenig wertbeständig
wie bei uns die wirklichen Noten. Und daraus ergibt sich
die Zwangslage, sie von Zeit zu Zeit zu öffnen und
ihren Inhalt zu revidieren, ihn gewissermaßen mit
dem aufgedruckten Stempel wieder in Einklang zu bringen
oder umgekehrt den Stempel nach dem Inhalt abzuändern.
Wird diese Kontrolle allzu lange unterlassen, so sind
Irrtümer und Unstimmigkeiten die unumgängliche
Folge davon. Ehe deren Ursache aber entdeckt wird, ist
meistens schon viel Unheil geschehen. Und die Menschen
prüfen überkommene Begriffe so ungern! Wozu
denken? Die Sprache denkt für uns, wie Goethe einmal
mit Recht sagt. Nur denkt sie leider oft falsch. Man muß
ihr auf die Finger sehen. Sonst kommt man in Gefahr, sich
Vorstellungen aufdrängen zu lassen, die mit der Wirklichkeit
nicht mehr stimmen, sich für Ideale zu begeistern,
die der Begeisterung nicht mehr wert sind.
Der Begriff der „Vaterlandsliebe“
illustriert diese Gefahr. Ich behaupte, sein Gebrauch
in unserer Zeit ist ein Anachronismus, die Macht, die
er über die Gemüter hat, verderblich, die kritiklose
Anerkennung, deren diese Macht sich allenthalben noch
erfreut, ein Verbrechen wider den lebendigen Geist.
Auf unseren Schulen wurden und
werden die Kinder noch immer mit allen Mitteln zur Vaterlandsliebe
erzogen. Indessen es ist nicht einzusehen, warum. Schon
die Forderung der Liebe ist ja als Forderung unstreitig
verfehlt. Aber ganz abgesehen davon: auch der Begriff „Vaterland“ selbst scheint mir sinnlos geworden. Wer von
uns hat denn noch wirklichen Anteil an dem Lande, in dem
er wohnt? Unsere Vorfahren hatten ihn, soweit ihnen von
ihren Vätern Besitz an Äckern, Wäldern
und Wiesen vererbt war. Und sie hatten darum auch allen
Anlaß, dieses ihr Vaterland zu lieben, es zu sichern
und zu verteidigen. Denn es gab ihnen ihre Nahrung und
war die Grundvoraussetzung ihrer ganzen Existenz. Wenn
es ihnen entrissen wurde, so waren sie nicht nur heimatlos,
sondern zugleich bettelarm und ohne Lebensunterhalt. Der
Begriff behielt auch dann noch Sinn, als sich die ersten
staatsähnlichen Verbände zusammenschlossen.
Denn die ursprünglichen Staaten waren alle Ackerbaustaaten.
Ihr Landbesitz bildete die Summe der einzelnen „Vaterländer“,
deren Besitzer solidarisch für einander eintraten.
Und in dem Augenblick, wo diese Staaten mit ihren Völkern
unter fremde Herrschaft gerieten, waren ohne weiteres
auch alle Einzelbesitzer enteignet. Ihr Land erhielten
die Mitglieder des über sie triumfierenden Stammes,
die Vasallen des siegreichen Fürsten, der seine Getreuen
durch solche Belehnungen desto fester an sich zu ketten
vermochte. Die ehemaligen Herren aber wurden die Sklaven
der neuen. Grund genug also für sie, solange sie
noch wirklich Herren waren, ihr Vaterland hochzuhalten
und selbst das Leben zu seinem Schutze einzusetzen.
Heut hingegen? Heute ist eine
solche Enteignung des Privatbesitzes doch nur in den seltensten
Fällen als Wirkung von außenpolitischen Ereignissen,
d. h. also von kriegerischen Niederlagen zu befürchten.
Das Staatseigentum ist für den äußeren
Feind vogelfrei, das private gilt ihm in der Regel als
grundsätzlich unantastbar, zumal dann, wenn seine
Besitzer für ihn einen Zuwachs zu der eigenen Bevölkerung
bilden sollen. Was sich vom Standpunkt des Privatbesitzes
aus ändert, ist im Grunde nur die Adresse, an die
er seine Abgaben zu entrichten hat. Letzten Endes kann
es ihm ja aber gleich sein, ob seine Steuern nach Berlin
oder London, Wien oder Paris hinfließen.
Wenn demnach schon der Begüterte
und zwar auch der an Grundbesitz Begüterte von
einem Wechsel der Staatsoberhoheit gegenwärtig keine
wesentlichen Schädigungen seiner Existenz mehr zu
erwarten hat, so gilt das selbstverständlich erst
recht von dem Unbegüterten und Abgabefreien. Daß
etwas vorgegangen ist, merkt er eigentlich überhaupt
nur an den neuen Landesfarben. Im übrigen darf er
leben wie sonst, d. h. so gut, wie er es durch seine Organisation
den Arbeitgebern, in deren Händen sein Schicksal
ruht, abzuringen vermag. Er darf fortfahren, für
die Ideale seines Standes zu wirken, darf seinen alten
Vergnügungen nachgehen, darf das Land, in dem er
ansässig ist und das ihm weder mehr noch weniger
gehört als vordem, lieben und verehren wie früher.
Wozu also da noch eine besondere Vaterlandsliebe, die
ihn so teuer zu stehen kommen kann wie im letzten Kriege
erst? Ich finde sie unpraktisch und einigermaßen
übertrieben.
Vaterlandsliebe kann für
den Besitzlosen wie für den Begüterten, der
sein natürlicher Feind ein viel natürlicherer
als der äußere ist, jetzt nur den Sinn haben,
daß sie ihnen ein gewisses Gefühl der Zusammengehörigkeit
mit den Stammesgenossen und eine Art empfindungsmäßiger
Anhänglichkeit an die Muttersprache bezeichnet.
Nun steht es ja aber so, daß
unsere politischen Staatengebilde weder mit den Volksstämmen
noch den sprachlichen Einheiten gleichbedeutend sind.
Und ferner liegt vor allem doch auf der Hand, daß
weder das Gefühl der Verbundenheit mit den Stammesverwandten
noch das der Anhänglichkeit an die Muttersprache,
in der man erzogen ist, durch eine fremdrassige und fremdsprachige
Obrigkeit sonderlich mehr als durch eine andere beeinträchtigt
zu werden braucht. Was geht mich meine Obrigkeit an? Ich
bin gewohnt, daß sie mich bevormundet, bedrückt,
ausnützt und auf alle Weise einengt und beraubt.
Vielleicht ist das gerade ihre Pflicht als Obrigkeit.
Ich weiß es nicht und will mit ihr darüber
nicht rechten. Aber wenn es ihre Pflicht ist, dann steht
sie für mich eben im Range eines notwendigen Übels,
und es läßt mich dabei vollkommen kalt, ob
sich mir dieses Übel nun schwarzweißrot oder
blauweißrot oder meinetwegen rot und blau kariert
darstellt. Genug, es ist ein Übel, und weil es denn
ein notwendiges Übel ist, werde ich mich so wenig
wie möglich mit ihm befassen. Ist es gemütlos,
wenn ich so denke? Gut, dann bin ich's. Aber ich halte
diese Gemütlosigkeit immerhin für wesentlich
vernünftiger und zugleich für bedeutend sittlicher
als jene gemütvolle Gesinnung, die sich durch die
Gefahr einer Änderung der Obrigkeit veranlaßt
fühlt, Kriege anzuzetteln, Menschen totzuschlagen,
Häuser niederzubrennen. Deren Verfahrungsweise scheint
mir zum mindesten kopflos.
Woran liegt es aber dann eigentlich,
daß der Begriff dieser anachronistischen Vaterlandsliebe
auch in unserer Zeit noch so wirksam ist? Es liegt ohne
Zweifel an der man kann es nicht anders nennen als:
Denkfaulheit der meisten. Billiger als Denken ist Fühlen,
und Gefühle sind immer die instinktiv gewordenen,
d. h. mechanisierten Denkurteile der Vorfahren, dieselben,
die sprachlich eben in den Begriffen niedergelegt sind.
Diese Gefühle sind, was unsern Fall anlangt, aber
begreiflicherweise am lebendigsten noch bei denen, die
in ferner Vergangenheit bei einer „Unterjochung“ des Vaterlandes
allein eine Gefahr gelaufen hätten, m. a. W.: bei
den Besitzenden. Und sie haben es nun verstanden, das,
was sie ihre „Ideale“ nennen, auch in den Köpfen
der andern wach zu erhalten und immer von neuem zu erwecken.
Sie sind mit Recht äußerst entrüstet,
wenn diese andern im Ernstfall dann Schwierigkeiten machen
wollen, sich für ihre Ideale zu Krüppeln schießen
oder glorreich hinschlachten zu lassen. „Vaterlandsloses
Gesindel“ das ist der Titel, den sie ihnen für
solche Gesinnung beizulegen gewohnt sind.
Ich gestehe, daß ich selber
zu solchem „vaterlandslosem Gesindel“ gehöre, ja,
daß ich nicht einmal soweit Patriot bin, mich ohne
weiteres mit allen Stammesangehörigen eins fühlen
zu können. Denn die, mit denen durch Volksverwandtschaft
verbunden zu sein ich mir als Ehre anrechnen würde,
sind zu zählen. Aber ich glaube andererseits, daß
der Vorwurf der „Ideallosigkeit“, der von da aus gegen
mich erhoben werden könnte, doch einigermaßen
zu weit ginge. Ich glaube es deshalb, weil mir die Herbeiführung
überstaatlicher, durch Vernunft und Recht zu gemeinsamer
Arbeit zusammengeschweißter Wirtschaftsgebiete immerhin
auch ein Ideal zu sein scheint, und noch dazu ein höheres,
weniger von der Entwicklung überholtes als die politische
und geografische Unverletztheit des jeweiligen Vaterlandes.
1923, 28 Kuno Fiedler
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