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Website über
Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920
erschienene Sonntags-Zeitung.
Probieren Sie's mit der Stichwortsuche:
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Bei einem Konzert, das eine Wiener Komponistin und Dirigentin
namens Lisa Maria Mayer in Berlin veranstaltet hat, ist
es zu einem kleinen Skandal gekommen. Der Mann der Lisa
Maria Mayer hatte nämlich, um seiner Gattin einen
vollen Saal zu verschaffen, einen Trick angewandt: er
hatte in einer Berliner Zeitung eine Heiratsannonce veröffentlicht
(“Junge hübsche Dame sucht . . .“) und allen Bewerbern
ein Schreiben geschickt, sie möchten sich bei dem
Konzert der Frau Lisa Maria Mayer einfinden; Kennzeichen:
eine weiße Rose. So kam es, daß etwa 200 Herren
mit weißen Rosen und ungefähr ebenso viel durch
eine ähnliche Annonce angelockte Damen den Saal füllen
halfen. Als der Schwindel bemerkt wurde, gab es einen
kleinen Tumult (an dem sich übrigens die Damen, die
so gescheit waren, zum Schaden nicht auch noch den Spott
zu wollen, nicht beteiligten).
Und nun wollen sich die Geprellten
zu einem „Verein der Rosenkavaliere“ zusammenschließen,
um ihren Schadensersatzansprüchen Geltung zu verschaffen.
(Einer der Herren hatte sich eigens zu dem Stelldichein
einen Smoking auf Ratenzahlung zugelegt.) Später
soll der Verein dann lediglich geselligen Zwecken dienen.
Ich sehe Sie lachen. „So eine
Vereinsmeierei!“ denken Sie. „Das kann doch nur bei Deutschen
vorkommen.“
Ein anderes Beispiel. Wenn Sie
einen Menschen mit Einsatz ihres eigenen Lebens vom Ertrinken
erretten, bekommen Sie vom Staat oder der Gemeinde 30
Mark. Wenn Sie nur noch die Leiche aus dem Wasser ziehen,
20 Mark. (Woran man sieht, wie hoch die Behörden
den Wert eines Menschenlebens schätzen.) Wenn Sie
bei dem Rettungsversuch selbst ums Leben kommen, erhalten
Ihre Angehörigen keinen Pfennig, nicht einmal die
Beerdigungskosten. Deshalb haben sich jetzt die Inhaber
der Rettungsmedaille zu einem Verein zusammengeschlossen,
um die Hinterbliebenen derer, die ihr Leben für andere
geopfert haben, zu unterstützen.
Und noch ein drittes Beispiel.
In Berlin haben sich um die Jahreswende Mitglieder einer
Zunft der Zimmerleute (es gibt da „rote Schlipse“, „schwarze
Schlipse“, „dunkelblaue Schlipse“ usw.) und Angehörige
des Verbrechervereins „Immertreu“ eine blutige Straßenschlacht
geliefert. Nach der Schlacht ging es im Verkehr zwischen
den beiden Vereinen sehr diplomatisch zu: Waffenstillstandsverhandlungen,
sehr höfliche Noten, Mißverständnisse,
großes Bedauern, Kuriere, Konferenzen, Friedensschluß.
Die Polizei verhaftete einige Mitglieder des Vereins „Immertreu“,
ließ sie dann aber wieder frei. Sie wußte
offenbar nicht recht, was sie tun wollte. Zuletzt löste
sie zwei Verbrechervereine, „Immertreu“ und „Norden“,
auf.
Wahrscheinlich hat sie damit
eine große Dummheit gemacht (und da der Verein „Immertreu“
den berühmten Rechtsanwalt Dr. Alsberg mit der Vertretung
der Beschwerde gegen die Auflösung beauftragt hat,
wird sie wohl den Schwanz einziehen müssen). Es gibt
nämlich in Berlin gegen 20 solcher Verbrechervereine;
der älteste besteht schon seit 35 Jahren. Die Polizei
hat bisher von der Existenz dieser Vereine bloß
Nutzen gehabt. Da Polizeikommissare und -spitzel häufig
die Vereinsabende besuchten, erhielt die Polizei einen
guten Überblick über die Vorbestraften. Die
eigentlichen Schwerverbrecher gehören den Vereinen
nicht an. Die Mitglieder sind zum größten Teil
Vorbestrafte, die zwar wieder einen Beruf ausüben,
aber doch den Weg in das bürgerliche Leben nicht
mehr gefunden haben und sich nun gegenseitig im Verein
die kleinen spießbürgerlichen Ehrungen und
Freuden verschaffen. Da die Vereine auf strenge Disziplin
halten, kommen nur sehr selten Ausschreitungen vor, wodurch
der Polizei viel Arbeit erspart wird.
Das „Tagebuch“ hat in seiner
letzten Nummer die Statuten des Vereins „Immertreu“ veröffentlicht.
Es ist beinahe rührend zu sehen, wie hier kleinbürgerlich-sentimentale
Bedürfnisse Befriedigung suchen. OE 2: Der Zweck des
Vereins soll erreicht werden: 1. durch Förderung
der Freundschaft und Geselligkeit unter den Mitgliedern;
2. durch Unterstützung in Krankheits- und besonderen
Notfällen; 3. durch Unterstützung im Todesfalle.
OE 4, Abs. 2: Jedes neue Mitglied erhält die Vereinsnadel
auf Kosten des Vereins überreicht; dieselbe bleibt
Eigentum des Vereins und ist jedes Mitglied für den
Verlust seiner Nadel haftbar und ersatzpflichtig. Der
Kollege, der in trunkenem oder aufgeregtem Zustand leichtsinnig
mit seiner Vereinsnadel umgeht, wird mit 10 Mark in Strafe
genommen. OE 9: Jedes Mitglied ist verpflichtet, den Satzungen
und satzungsgemäß gefaßten Vereinsbeschlüssen
streng nachzukommen und überhaupt für die Ehre
des Vereins nach Kräften zu wirken. OE 17: Der Verein
hält es für seine höchste Ehrenpflicht,
jedes verstorbene Mitglied so zu beerdigen, wie es die
Ehre und Würde des Vereins „Immertreu“ verlangt.
Jedes Mitglied ist auch verpflichtet,
Steuern . . . wollt' sagen einen Beitrag zu zahlen: wöchentlich
1 Mark. Und da auch in einem Verbrecherverein nicht alle
Mitglieder edel, hilfreich und gut sind, sorgt ein Straftarif
für Ordnung. Er geht von 20 Pfennig wegen zu späten
Erscheinens zur Sitzung bis zu 5 Mark wegen unentschuldigten
Fehlens bei Veranstaltungen mit Banner.
Ehrenpflichten, Ehre, Würde,
Vereinsnadel, Steuern, Strafen es ist ein Staat im kleinen.
Womit ich aber gewiß nicht behaupten möchte,
der Staat und der Verein „Immertreu“ seien in allem gleich.
Durchaus nicht; denn der Staat ist ein viel unsinnigerer
und gefährlicherer Verein als ein Verbrecherverein.
Bevor ich jedoch vom Staat rede, will ich noch ein viertes
Vereinsbeispiel vorführen.
„In der Tschechoslowakei ist
gegenwärtig eine Gründung im Gange, die auf
einen Zusammschluß aller jener Personen hinzielt,
die den Namen Novak führen. Der Zweck der beabsichtigten
Organisation aller Novake ist materielle gegenseitige
Hilfeleistung. Da die Zahl aller diesen Namen führenden
Personen in Prag allein auf etwa 16 000, in der Tschechoslowakischen
Republik auf rund 80 000 geschätzt wird und man überdies
mit der Beteiligung der zahlreichen im Auslande lebenden
Novake rechnet, dürfte der Organisationsfonds aus
dem Vollen schöpfen.“
Das scheint Ihnen der Gipfel
der Vereinsmeierei? Sie sagen: bei den ersten drei Beispielen
haben die Leute wenigstens ein ganz bestimmtes gemeinsames
Interesse, das sie zur Bildung eines Vereins treibt. Aber
die Novake! Bloß weil sie alle von Vätern abstammen,
die Novak hießen, machen sie einen Verein auf? Blödsinn!
Beinah, antworte ich Ihnen, beinah
so ein Blödsinn wie die Bildung eines Staates. Warum
sind Sie Mitglied des Vereins, der sich „Staat der Deutschen“
nennt? Weil Sie von einem Vater abstammen, der Müller
und nicht Meunier geheißen hat. Sehen Sie, mit den
meisten Vereinen, über die man so viel spöttelt,
ist es gar nicht so schlimm: sie dienen der Wahrung irgend
eines gemeinsamen Interesses der Mitglieder; niemand ist
gezwungen, ihnen beizutreten; jedermann kann zu jeder
Zeit austreten. Es gibt nur zwei Vereine, in die man,
ohne gefragt zu werden, aufgenommen wird: Kirche und Staat.
Aus der Kirche kann man zwar später wieder austreten,
aber man tut es nicht, weil . . . Nein, ich will niemand
beleidigen. Aus dem Staat auszutreten, ist bis jetzt noch
niemand gelungen.
Ja aber Herr Hagel, jetzt denken
Sie doch einmal logischer! Haben die Angehörigen
eines Staates nicht auch eine Menge gemeinsamer Interessen?
Schutz des Lebens und Eigentums, Garantie für ein
Existenzminimum, Verkehrssicherheit usw. usw. Möchten
Sie lieber ohne all die Sicherheiten und Annehmlichkeiten
leben, die Ihnen der Staat bietet?
Merken Sie sich den Satz, lieber
Leser: alle die Interessen, die alle Angehörigen
eines Staates gemeinsam haben, sind allen Menschen gemeinsam.
Sie sind also kein Grund zur Bildung von Staaten. Und
daß die Angehörigen eines Staates gemeinsame
Interessen haben, die den Interessen anderer Staaten entgegenstehen,
also vor allem Schutz des Staates gegen Angriffe von außen,
das ist doch erst eine Folge der Staatenbildung, kann
also nicht die Ursache sein, wie meistens behauptet wird.
Und nun fragen Sie, wie es dann
eigentlich dazu komme, daß solche Vereine, die man
Staat nennt, existieren? Ich will bei der Beantwortung
dieser Frage nicht davon reden, wie tatsächlich im
historischen Verlauf die Staaten entstanden sind, sondern
nur kurz andeuten, warum diese Vereine heute noch existieren.
Ein Vergleich: Der Kaninchenzüchterverein „Germania“
hat absolut keinen Grund, den Kollegen vom Kaninchenzüchterverein „John Bull“ feindlich zu sein. Aber der Hundebesitzerverein „Germania“, der mächtiger ist als der Kaninchenzüchterverein
gleichen Namens, findet, daß es für ihn sehr
angenehm ist, wenn er sich mit dem Kaninchenzüchterverein „Germania“ zu einem „Staat“ genannten Verein zusammenschließt
und die Vereinsbeiträge der Kaninchenzüchter
einkassiert. Der Hundebesitzerverein „John Bull“ handelt
entsprechend, und so . . .
Ich weiß nicht, warum Sie
lachen. Vergleichen Sie einmal die verschiedenen Vereine,
von denen wir hier gesprochen haben, genau miteinander!
Ich glaube, daß der Staat dabei viel schlechter
abschneidet als z. B. der „Verein der Rosenkavaliere“,
nicht nur, weil man bei ihm die vielbespöttelten
Vereinstugenden wie Vereinsehre usw. in viel ausgeprägterem
Maße findet als in kleineren Vereinen (nur nennt
man sie da Vaterlandsliebe und Nationalgefühl), sondern
auch, weil ich vermute, daß beim Staat wie beim „Verein der Novake“ der Organisationsfonds, aus dem man „aus dem Vollen schöpfen“ kann, die Hauptrolle spielt.
1929, 3 Jan Hagel
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