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Website über
Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920
erschienene Sonntags-Zeitung.
Probieren Sie's mit der Stichwortsuche:
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Haben Sie schon das Kalb mit den zwei Köpfen gesehen?
Oder den Neger auf der Messe, der lebende Ratten frißt?
Oder die stachlige Dame, die man auf der Burg zu Nürnberg
zeigt, und deren Jungfernschaft unzerstörbar, weil
aus Eisen, ist? Es hat Ihnen nicht gegruselt? Dann besuchen
Sie das Landesgewerbemuseum in Stuttgart, Abteilung Geschmacksverirrungen.
Sie werden das Gruseln lernen!
Herr Direktor Pazaurek führt
Ihnen dort unter Glas, gut eingemottet, den Geist des
totgesagten Mittelstandes der verflossenen 50 Jahre vor.
Sie sehen dort, womit man in der kaiserlichen, der schrecklichen
Zeit seinen hemmungslosen Drang nach Gemüts- und
Wohnungskultur befriedigt hat, vom Patent-Closett-Sitz „Moralität“ bis zum Zeppelinkopf als Faßhahn.
Da stehen alle die süßen Dinge, lieblos und
systematisch geordnet. „Reisepräsente“: Fliegenschwämme,
Porzellanschweine und -Kühe mit auf den Bauch gemalten
Stadtpanoramen, Bierkrüge usw. „Gruß aus N.“
Es war eine Zeit des Aufstiegs,
nach Siebzig. Die jungen Mädchen besuchten das Pensionat,
häkelten Sofaschoner und Deckchen in rauhen Mengen,
brandmalten den Trompeter von Säckingen, stickten
auf Stramin sinnige Sprüche („Wo Glaube, da Liebe,
wo Liebe, da Friede!“), die man gerahmt übers Ehebett
hing, oder, wenn draufstand „Frohes Erwachen ohne Sorgen
guten Morgen!“, übern Waschtisch. Firm in der Kunst,
malte man die beiden Raffael-Engelchen auf Tabaksdosen,
Teller, Messer, Gabel, Scher' und Licht. Wo eben Platz
war.
Man war auch fromm: ein auf die
Kaffeetasse gepinseltes Herz-Jesu-Bild machte, daß
die Morgenbrühe noch einmal so gut schmeckte. Die
aufblühende Industrie unterstützte das Christentum,
wo sie nur konnte, durch Massenproduktion von Schutzengeln,
Lourdes-Madonnen, Weihwasserkesseln aus Porzellan, Gips
und Papiermaché. Billig und ganz dem religiösen
Zug der Zeit entsprechend.
Die täglichen Gebrauchsgegenstände
enthob man ihrer nüchternen Zweckmäßigkeit,
indem man ihnen teils „scherzhafte“, teils „künstlerische“
Formen gab. Da gibt es Revolver als Briefbeschwerer, Reitpeitschen
als Thermometer, den obligaten Dackelhund aus den Fliegenden
Blättern, der schlechtweg auf alles dressiert ist:
Zigarrenspitzen abzuschneiden, Tante Paulas Spitzenbluse
zu zieren und Postkartengrüße zu übermitteln.
Aus Totenköpfen trank man einander Schmollis zu oder
strich sich Senf auf die Wurst, W.-C.-Anlagen mußten
als Aschenbecher dienen. Den Don-Juans, die das „savoir
vivre“ hatten, war schon damals sublimiertere Erotik nicht
fremd: sie benutzten als Zigarren-Etuis zierliche Damenkorsetts
und als Stiefelzieher eine lasziv die Beine spreizende
Dame aus Holz. Äußerst beliebt war eine Nachbildung
des Brüsseler „Manneken piß“ als Likörflasche.
Prosit!
Dann kam die „große Zeit“.
Der Patridiotismus machte sich Luft. Auf Bierfilzen, Krügen,
Schnupftüchern, Lebkuchen wurden, umkränzt von
Eichenlaub, die Visagen unserer Landesväter und Massenmörder
verherrlicht. Zeppeline, U-Boote, die „dicke Berta“ prangten
als Schmuck am treudeutschen Christbaum. Und weil die
Heimatkrieger doch auch etwas von der großen Zeit
haben wollten, machten sie aus Granaten Blumenvasen und
schifften auf schwarz-weiß-roten Bettvorlagen mit
eingewebtem E. K. in den Ehehafen, oder banden sich eine
schwarz-weiß-rote Bartbinde um. Der Kunsthonig „Eiserner
Hindenburg“
hatte so durchschlagenden Erfolg, daß der Fabrikant
des schwarz-weiß-roten „besten deutschen durchlochten
Reinigungspapiers: Deutsche Eiche“ mit Aufträgen
überschüttet wurde.
Es war eine herrliche Zeit. Pazaurek
nennt diese Kategorie seiner Sammlung „Hurra-Kitsch“.
Aber eines fehlt noch in diesem
Milieu: die Mumie, für die das alles geschaffen wurde.
Der Mann mit dem vorgebundenen Stärkebrettchen, mit
Röllchen und Zugstiefeln, mit Speckwülsten am
Hals und Berlocken auf dem Wanst, mit aufgezwirbeltem
Schnurrbart, kraftvollem Hurrabaß und sämtlichen
Jahrgängen der „Gartenlaube“ und „Über Land
und Meer“, Mitglied eines Dutzends Vereine, Vater zweier
heiratsfähiger Töchter mit anständiger
Aussteuer (Bettwäsche, Wärtikoh und Regulator),
dito eines Korpsstudenten. Aber diese Kulturmumie kann
Pazaurek seiner Kollektion nicht einverleiben: sie wird
noch heute auf Amtsstuben, Büros und an Stammtischen
benötigt!
1926, 31 Tyll
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