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Website über
Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920
erschienene Sonntags-Zeitung.
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Die Stuttgarter
Werkbundhäuser
Sage mir keiner etwas gegen die alten Häuser. Ich
bin in einem solchen aufgewachsen; ich habe schöne
Stunden in alten ländlichen Pfarrhäusern und
kleinstädtischen Bürgerhäusern verlebt.
Was gab es
da für prächtige große Stuben, für gewaltige, helle Treppenhäuser
mit bequemem Aufstieg, für riesige Flure (Öhrne sagt man bei uns), für unendliche
Bühnen (Bodenräume sagt man bei Ihnen), zwei, drei übereinander, für unheimliche,
tiefe und gute Keller! Platz hatte man in den alten Häusern! Freilich, es gab auch
Bügel und Winkel, dunkle Alkoven, muffige Kammern, schlechtriechende Aborte. Aber das machte
nichts, darin brauchte man sich im allgemeinen nicht aufzuhalten. Man war bei gutem Wetter ja
viel im Freien, man hatte den Garten beim Haus, und in den Wald oder ins Wasser waren es fünf
oder zehn Minuten. Badezimmer, nein, das war keines vorhanden. Aber man behalf sich. Man badete
nicht so viel damals. Man hielt es nicht für so notwendig wie heute.
Viel Arbeit
machten jene Wohnungen freilich, besonders im Winter, wenn es darin behaglich sein sollte. Kräftige
Mägde brauchte man, und sie hatten wenig Freistunden. Samstags, wenn geputzt wurde, ging
man gern aus dem Wege; über die große Frühjahrs- oder Herbstreinigung verreiste
man am besten. Aber die Hausfrauen und die Hausmägde wußten das nicht anders, und
hatten daneben merkwürdigerweise noch Zeit, ein halbes oder ganzes Dutzend Kinder aufzuziehen,
wunderbar zu kochen, zu backen, einzumachen, zu nähen, zu flicken, zu waschen und dazwischendurch
Kaffeevisiten, Metzelsuppen und fabelhafte Bowlen zu arrangieren. Man hatte Zeit in den
alten Häusern.
Heute leben
wir anders als damals. Wir haben keine Zeit mehr, und wir sitzen in den großen Städten
klumpenweise aufeinander: wir haben keinen Raum mehr. Garten beim Haus, Arbeit im Freien, Spaziergang
ins Grüne nach Feierabend, Kinder, die sich im Grase tummeln oder abends um den großen
Tisch herumsitzen: wer kennt das noch? Einem Drittel von uns, bald wird es die Hälfte sein,
sind das sagenhafte Dinge. Man mag es noch so sehr bedauern: es ist so. Und deshalb brauchen
wir andere Häuser.
Was wir in den letzten 30 Jahren
in den Städten und Vorstädten an Häusern
gebaut und an Wohnungen eingerichtet haben, sind verkümmerte,
häßliche, deplazierte Versuche, die alte Wohnform
und Bauart beizubehalten. Die heutige Großstadt-Wohnung
ist eine Verkrüppelung der alten Landwohnung. Aus
den großen Stuben sind kleine geworden, aus dem
Flur ein dunkler Gang, aus Keller und Bodenraum je ein
Stück Verschlag, aus Veranda oder Balkon ein Vogelkäfig,
aus dem Garten hinterm Haus ein Blumenständer mit
Zimmerlinde. Geblieben sind Kammern, Winkel, lichtlose
Räume; und geblieben ist der Väter- und Urväterhausrat,
der in die enge Wohnung hineingestopft wird, weil er unentbehrlich
scheint. Soweit er nicht geblieben ist, wird er von einer
fleißigen Industrie reproduziert, nur um etliche
Grade schlechter, geschmackloser und unpraktischer als
ihn früher ein ehrsames Handwerk geliefert hat. In
einer heutigen durchschnittlichen „bürgerlichen“
Stadtwohnung ist es nicht auszuhalten vor Trödelkram,
Staubfängern, Vorhängen, gräßlichen
Tapeten, unmöglichen Möbeln und Bildern.
Wer das empfindet, und allmählich
sind das doch viele unter uns, für den ist die Werkbundsiedlung
auf dem Weißenhof bei Stuttgart gebaut worden. 33
Häuser, teils Einzel-, teils Doppel- und Reihenhäuser,
auch eine richtige „Mietskaserne“ ist dabei. Die Erbauer
sind eine Anzahl von mehr oder weniger berühmten
modernen Architekten, Poelzig, die beiden Taut, Behrens
und andere; auch Ausländer, ein welscher Schweizer,
ein Belgier, zwei Holländer sind dabei.
Diese Ausstellung,
mag man an ihr im Einzelnen noch so viel auszusetzen haben, ist eine erlösende Tat, für
die dem Werkbund und der Stadt Stuttgart Dank und Anerkennung gebührt. Hier sieht man,
daß wir endlich im Begriff sind, Häuser und Wohnungen herzustellen, wie sie zu unserer
Zeit gehören, in denen sich heutige Menschen wohl fühlen können. Es sind Häuser
aus neuem Material (Holz und Ziegel treten zurück gegen Beton, Eisen, Kunststein) und mit
neuen, ungewohnten Formen (durchweg mit flachem Dach). Sie haben viele und große Fenster,
kleine aber helle Räume mit beweglichen Wänden, wenig Nebenräume, keine Keller,
keine Böden (Bühnen), eingebaute Schränke; keine Tapeten, keine Portieren, keine
überflüssigen Möbel; alles ist glatt, einfach, praktisch, leicht zu reinigen,
nahe beieinander. Der entsetzliche Begriff „Zimmerschmuck“ existiert nicht mehr; dafür
kommt an den Wänden die Farbe zu Ehren (worüber der graue Spießer besonders
eifrig den Kopf schüttelt). Wenn ich das hier so summarisch sage, so bitte ich den Leser,
nicht etwa zu meinen, daß alle die Häuser ein Typ seien. Sie sind sehr verschieden,
vom beinahe altmodischen Behrens bis zum revolutionären Le Corbusier; vom ganz kleinen
Reihenhaus, dessen hervorragendste Lösung der Rotterdamer Stadtbaumeister Oud gefunden
hat, bis zum beinahe üppigen Einfamilienhaus eines Schneck oder Gropius.
Die öffentliche Meinung
und die Presse verhält sich der Ausstellung gegenüber,
wie man sich denken kann, ziemlich verständnislos.
Die Sachverständigen zählen einem an allen Fingern
die Fehler vor, die gemacht worden seien, die dieser oder
jener „Lösung“ anhaften. Natürlich haben sie
recht. Es wimmelt von Fehlern; auch grundsätzliche
und schwerwiegende Fragen wie nach Beheizung, Wetter-
und Wasserschutz, Haltbarkeit sind durchaus nicht überzeugend
oder endgültig beantwortet. Aber das ist ja auch
nicht möglich; dazu bedarf es noch jahre-, jahrzehntelanger
Erfahrung. Und Einseitigkeiten, Übertreibungen, wie
man sie findet, sind bei jeder Propaganda unvermeidlich.
Was die Laien auszusetzen haben:
in diesen Häusern sei kein „Familienleben“ möglich,
dürfe man keine Kinder haben, dürfe man nicht
krank werden und nicht sterben, und dergleichen, stimmt
ebenfalls im großen Ganzen. Bloß ist es an
die falsche Adresse gerichtet. Der Stadtmensch von heute
hat sowieso kein Familienleben. Er hat keine Kinder oder
nur ganz wenige, und die würden meistens besser in
einem Internat aufwachsen als bei den Eltern. Er wird
in der Klinik geboren, und wenn er krank wird, dann kommt
er ins Krankenhaus.
Wenn wir noch Verhältnisse
hätten wie vor hundert Jahren, dann brauchten wir
keine neue Bauart. Und wo solche Verhältnisse noch
teilweise bestehen, nämlich auf dem Lande, wird man
wahrscheinlich auch nicht so bauen wie auf dem Weißenhof.
Wo sie aber nicht mehr bestehen, in der modernen Großstadt,
da wird man künftig so bauen und so wohnen wie es
dort gezeigt ist. Darum handelt sich's, und deshalb ist
die Werkbundausstellung so wertvoll und wichtig.
Vielleicht wäre dieser springende
Punkt manchem ahnungslosen Gemüt etwas deutlicher
geworden, wenn die Ausstellungsleitung in Figura statt
nur auf einem Plakat veranschaulicht hätte, wie die
alte Wohnung neben der neuen aussieht. Mitten unter den „verrückten“ Werkbundhäusern müßte
eine Leistung irgend eines „normalen“ Bautigers stehen;
und die Wohnräume darin müßten genau so
eingerichtet sein wie sie es in den meisten Fällen
heute sind. Man hätte sich dabei ja von Herrn Pazaurek,
dem Schöpfer des Greuelkabinetts im Landesgewerbemuseum,
beraten lassen können. So, durch Beispiel und Gegenbeispiel,
wäre der Zweck des Unternehmens schärfer hervorgetreten;
und die Ausstellung wäre um eine Riesenattraktion
bereichert gewesen.
Schade, daß
das nicht geschehen ist. Man hätte ein solches „altes Haus“ unter den neuen vermutlich
glänzend verkauft. Und wenn nicht, fünfzigtausend Mark wäre der Spaß wert
gewesen.
1927, 39 Hans Hutzelmann
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