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Website über
Erich Schairer (1887-1956), Journalist und Publizist, und seine ab 1920
erschienene Sonntags-Zeitung.
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Die Werkbundsiedlung auf dem Weißenhof bei Stuttgart
ist das Entsetzen aller derer, die etwas ablehnen, weil
es anders ist als sie es gewohnt sind. Häuser ohne
Dach! Wände ohne Tapeten! Möbel ohne Verzierungen!
Nein, das frißt der brave Bürger nicht.
Da ja auch niemand von ihm verlangt,
daß er von morgen ab in einem Haus von Le Corbusier
wohnen solle, so hat diese Entrüstung des Publikums
weiter nichts zu bedeuten. Aber es gibt auch Leute, die
sich etwas ernsthafter aufregen, weil sie ihre Interessen
bedroht sehen: die Dachziegelindustriellen, die Tapetenfabrikanten,
die Möbelfabrikanten. Sie protestieren aus voller
Brust gegen das Neue, das keine Rücksicht auf ihr
Absatzbedürfnis nimmt. Und sie begründen ihren
Einspruch damit, daß dieser Stil, den der Werkbund
da propagiere, undeutsch sei.
Da haben wir's also wieder. Wenn
irgend eine Gruppe von Interessenten in Deutschland ihren
Profit von einer Geistesrichtung, die ihr deshalb nicht
paßt, bedroht sieht, dann wallt auf einmal das treudeutsche
Herz. Hat man es schon erlebt, daß so ein patentierter
Deutscher sagt: ich bin dafür, obwohl ich daran nichts
verdiene? Oder: ich bin dagegen, obwohl ich dabei verdienen
würde? Oder auch nur ehrlich und offen: ich bin dagegen,
weil ich dabei nichts verdiene? Nein, man ist gegen etwas,
weil es „undeutsch“ ist.
Wenn die Arbeiter sich international
verabreden, weil sie nur so gegen ihre international verbrüderten
Ausbeuter aufkommen können, dann sind sie vaterlandslose
Gesellen, die kein nationales Empfinden haben. Wenn vernünftige,
rechtlich denkende Menschen gegen den Wahnsinn und die
Gemeinheit der Massenschlächterei, genannt Krieg,
ihre Stimme erheben, dann behaupten die Kanonen-, Pulver-
und Giftgasfabrikanten und ihre Vettern, die Generäle,
das seien Vaterlandsverräter. Bierbrauer finden es
undeutsch, wenn man kein Bier trinkt. Hutfabrikanten,
wenn man barhaupt geht. Warum nicht auch Metzger, wenn
einer kein Fleisch ißt? Oder vielleicht Regenschirmhändler,
wenn es nicht regnet?
Die Welt wird offenbar immer
undeutscher. Ob es am Ende gar noch so weit kommen wird,
daß man mit seinem Deutschtum in Deutschland nichts
verdienen kann?
Dann wüßte man wahrscheinlich
überhaupt nicht mehr, was eigentlich deutsch ist.
Bis jetzt heißt deutsch sein bekanntlich: eine Sache
um ihrer selbst willen tun.
Das Wort stammt von Paul de Lagarde.
Einem echten Deutschen, was schon daraus hervorgeht, daß
er sich so einen schönen französischen Namen
zugelegt hat.
1927, 39 Sch.
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