Der „Ausweg“, den Ludendorff sah, (...) war nichts anderes, als das
Abwälzen der Verantwortung für die Niederlage, auf der sich später die Dolchstoßlegende
aufbauen sollte. Denn wer brockte denn hier wem eine Suppe zum Auslöffeln ein? Wenn die deutsche
Niederlage am 29. September bereits wirklich so komplett war, wie Ludendorff behauptete, dann war
es seine Niederlage; denn er hatte ja bis zu diesem Tage die Kriegführung und
Kriegspolitik Deutschlands bestimmt: er und nicht seine Kritiker. Aber wenn die Niederlage noch
nicht komplett und die Waffenstillstandsbitte voreilig war, dann war es erst recht seine
Niederlage: Denn dann führte er sie mit dem Waffenstillstandsgesuch, auf dem er bestand, jetzt
selbst herbei. Wenn es auf der Gegenseite noch Zweifel am Sieg, in Deutschland noch Zweifel an der
Niederlage und daher dort noch Verhandlungsbereitschaft, hier noch Widerstandsbereitschaft gab:
Die Bitte um sofortigen Waffenstillstand mußte sie zunichte machen. Damit wurde die weiße
Fahne gehißt. Es war Ludendorff, der nun darauf bestand, daß dies tatsächlich geschehe.
Aber nicht er wollte sich damit belasten, sondern die neue Regierung der Reichstagsmehrheit sollte
„die Suppe auslöffeln“. Das war der Preis dafür, daß er sie an die Regierung
ließ.
Ludendorff war im Augenblick seiner Niederlage derselbe kalt-tollkühne
Planer, der er immer gewesen war. Wie immer ging er aufs Ganze. Er bot den Parteien der Reichstagsmehrheit,
was sie in ihren kühnsten Träumen nicht erwartet hatten: die volle Parlamentarisierung,
die ganze Macht. Ein unwiderstehlicher Köder! Nur freilich, der Köder war vergiftet: An
ihm hing die Verantwortung für die Niederlage, die totale niederlage, die nach dem Waffenstillstandsgesuch
nicht mehr aufzuhalten war. Ludendorff stellte seinen innenpolitischen Gegnern eine Falle, wie einst
den Russen bei Tannenberg, und wie die Russen bei Tannenberg tappten sie hinein - wenn auch nicht
ganz, ohne mißtrauisch an der Falle zu schnuppern und zurückzuscheuen. Prinz Max von
Baden, der neue Reichskanzler, ein liberaler Fürst, der in den vorangegangenen Jahren Ludendorffs
Kriegspolitik vorsichtig kritisiert hatte, fiel aus allen Wolken, als er am 1. Oktober bei der Ankunft
in Berlin erfuhr, was man ihm zumutete. Ein paar Tage kämpfte er einen Verzweiflungskampf gegen
das Waffenstillstandsgesuch; es ging denn auch erst am 4. Oktober hinaus, nicht am 1. Oktober, wie
Ludendorff verlangt hatte. Philipp Scheidemann, damals der zweite Mann der SPD und ihr außenpolitischer
Sprecher im Reichstag, plädierte in der Fraktionssitzung ahnungsvoll gegen den Eintritt in
ein „bankrottes Unternehmen“ und hatte damit einen großen Teil der Fraktion auf
seiner Seite.
Die beiden Männer, die den Widerstand des Prinzen und des sozialdemokratischen
Abgeordneten brachen, waren, merkwürdig zu beobachten, das derzeitige und das künftige
Staatsoberhaupt. Wilhelm II. herrschte seinen widerstrebenden Mitfürsten im Kronrat an: „Du
bist nicht hierhergekommen, um der Obersten Heeresleitung Schwierigkeiten zu machen.“ Und Friedrich
Ebert, der sozialdemokratische Parteiführer, argumentierte in der Fraktionssitzung der SPD,
wenn nun alles zusammmenbräche, dürfe sich die Partei nicht dem Vorwurf aussetzen, daß
sie in einem Augenblick ihre Mitwirkung versagt habe, in dem man sie dringend von allen Seiten darum
gebeten habe. „Wir müssen uns im Gegenteil in die Bresche werfen. Wir müssen sehen,
ob wir genug Einfluß bekommen, um unsere Forderungen durchzusetzen, und wenn es möglich
ist, sie mit der Rettung des Landes zu verbinden, dann ist es unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit,
dies zu tun.“ Ebert gewann und schickte den widerstrebenden Scheidemann als Staatssekretär
in die Regierung des Prinzen Max. ![]()