SPEISEKARTE

Diese Website führt Dich auf eine Entdeckungsreise durch Leben und Werk des vor nunmehr siebzig Jahren verstorbenen Journalisten und Zeitungsmachers Erich Schairer (21.10.1887-3.8.1956) und exemplarisch mitten hinein in Verblendung und Niedergang dreier Deutscher Reiche in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

  • Tapfer mit Feder und Geist

    Zur Erinnerung an Erich Schairer, den 1956 gestorbenen StZ-Herausgeber und Streiter für die Meinungsfreiheit Von Martin Hohnecker Oft gedenken Journalisten großer Politiker und Denker, selten ihrer eigenen beruflichen Vorfahren – leider. Heute [am Donnerstag 3. August 2006] gibt der 50. Todestag des mutigen Publizisten Erich Schairer Anlass zum Erinnern. Denn Schairer eignet sich zumindest in zwei…

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  • Der Heilbronner Presseskandal 1919

    Der Heilbronner Presseskandal 1919

    Der Chefredakteur der Heilbronner Neckar-Zeitung Dr. Erich Schairer leitete in der Ausgabe vom 15.11.1919 den Bericht über die Vernehmung des früheren kaiserlichen Staatssekretärs Karl Helfferich, der jegliche Kriegsschuld Deutschlands leugnete, mit einem bissigen Kommentar ein. Der konservative Verleger der Neckarzeitung ließ jedoch ohne Wissen oder Einwilligung seines Chefredakteurs den Vortext aus der Druckplatte herauskratzen. Das…

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  • Stuttgarter Presse in den 1920er Jahren

    „Was meint ihr, Leser?“ Von Dietrich Heißenbüttel | Datum: 16.02.2022 Es gibt kein Internet und kein Fernsehen, selbst das Radio steckt noch in den Kinderschuhen. Dafür erscheinen allein in Stuttgart über zwanzig Tageszeitungen. Ein Pazifist produziert im Alleingang die vierseitige „Sonntags-Zeitung“. Ein Blick auf die Presselandschaft vor 100 Jahren. „Das Inseratenwesen in privater Hand ist die Hauptursache…

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  • Erich Schairer – auch ein Roigel

    Nachdem das seitherige Mitglied der Altenschaft, Dr. Erich Schairer, Heilbronn, schon mehrmals die Gesamtstudentenschaft in wenig gewählter Weise beschimpft hat und auch sonst durch seine Stellungnahme in der Öffentlichkeit die Interessen der Gesellschaft schädigt, stellt die aktive Gesellschaft den Antrag, daß Dr. Schairer aus der Altenschaft ausgeschlossen wird. Antrag der Activitas vom 26. April 1921…

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  • Verblendet

    Verblendet

    Die unheilvollen Kräfte, die Deutschland seit zehn Jahren ins Verderben gestürzt, rumoren unheimlich weiter. Es scheint, als ob die Masse dieses Volkes aus den blutigen und tragischen Lehren seiner Vergangenheit nicht das Mindeste gelernt habe. Vor allem nicht die Schicht, die einst selbst von sich rühmte, daß sie „Bildung und Besitz“ repräsentiere. Nicht die leiseste…

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  • 5 Minuten Deutsch

    Am 2. Oktober 1946 erschien im Feuilleton der Stuttgarter Zeitung zum ersten Mal die Rubrik „Fünf Minuten Deutsch“. Ich wollte mir damit, wenn auch nur in Form eines Stoßseufzers (denn das Papier war kostbar), den Ärger über das schlechte Deutsch der Zeitgenossen von der Seele schreiben, den ich von Berufs wegen tagtäglich zu leiden hatte.…

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  • Das Ende

    Das Ende

    Wenn diese Zeilen in Druck gehen, hat sich die „nationale Revolution“ im Anschluß an das Wahlergebnis vom 5. März in ähnlicher Form durchgesetzt, wie die Revolte 1918 nach der militärischen Niederlage. Damals hob sich keine Hand in Deutschland, das Kaiserreich zu verteidigen. Auch diesmal ist es ähnlich gegangen. Die Träger der Republik von Weimar haben…

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  • Wie Wilhelm

    Kommt es nur mir so vor, oder hat der neue deutsche Reichskanzler wirklich diese frappante Ähnlichkeit mit Wilhelm dem Zweiten von Hohenzollern? … Wer sich ihm entgegenstellte, den wollte er zerschmettern (z.B. die bösen Sozialdemokraten); er gedachte sein Volk herrlichen Zeiten entgegenzuführen; er war der Friedenskaiser und rutschte dann freilich in einen Krieg hinein. (Und…

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  • Cotta’sches Archiv

    Cotta’sches Archiv

    Von den Veräußerungsabsichten hatte Schairer bereits 1950 erfahren, und als die Frage 1952 akut wurde, konnte er Eberle überzeugen, dass die „Stuttgarter Zeitung“ aus ihren Überschüssen 200.000 DM für den Erwerb des Archivs bereitstellen sollte…

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  • Grandseigneur mit spitzer Feder

    Grandseigneur mit spitzer Feder

    11.5.2012, von Achim Wörner. Martin Hohnecker hat die StZ, der er auch nach seiner Pensionierung 2004 als Autor treu blieb, in mehr als vier Jahrzehnten geprägt wie kein anderer Redakteur. Er war ein Sprachvirtuose, ein exzellenter, unter den Leserinnen und Lesern besonders beliebter Schreiber, er war ein innovativer, kreativer Geist…

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  • Sacco und Vanzetti

    Sacco und Vanzetti

    Am 9. April 1927 sind in Boston die beiden italienischen Arbeiter Sacco und Vanzetti zum zweitenmal zum Tode verurteilt worden. Dieser Fall Sacco-Vanzetti ist ein Beispiel politischer Rechtsprechung und ungerechter Handhabung der Justiz, wie es die Fälle Dreyfus in Frankreich, Fechenbach und Hölz in Deutschland waren.

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  • Wirtschaft ohne Unternehmer

    Wirtschaft ohne Unternehmer

    Im Sommer 1919 hat mir Walther Rathenau für meine bei Eugen Diederichs in Jena erschienene Schriftenreihe “Deutsche Gemeinwirtschaft” einen Beitrag geschrieben, den er “Autonome Wirtschaft” nannte. Es ist seine letzte und radikalste wirtschaftliche Schrift gewesen; er hat darin nicht mehr und nicht weniger als die Abschaffung des “Unternehmers” gefordert. Seine Partei, der er damals im…

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  • Christlicher Solidarismus

    Christlicher Solidarismus

    …ein Dokument von historischer Bedeutung: eine Denkschrift Matthias Erzbergers über „Richtlinien für den Wiederaufbau des deutschen Wirtschaftslebens“, die er kurz vor seiner Ermordung (Ende August 1921) fertiggestellt hat.

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  • Die allgemeine Nährpflicht

    Die allgemeine Nährpflicht

    Als Ergebnis einer Lebensarbeit hat Popper Lynkeus im Jahr 1912 sein Buch über „Die allgemeine Nährpflicht als Lösung der sozialen Frage“ im Verlag von Carl Reißner in Dresden erscheinen lassen. Zu Lebzeiten des Verfassers hat das Werk in der Öffentlichkeit wenig Aufmerksamkeit gefunden…

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  • Revolutionen in Deutschland

    Revolutionen in Deutschland

    Die Webseite www.deutsche-revolution.de von Michael Zachcial will die Geschichte der Revolutionen in Deutschland nachzeichnen, über Quellentexte, Lieder, Flugblätter, Orte, Biographien.

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  • Ungesühntes Blut

    Ungesühntes Blut

    Der Verfall der politischen Sitten hat in den letzten Jahren in Deutschland eine Massenerscheinung hervorgebracht, die vordem hier vollkommen unbekannt war: den politischen Mord. In den drei Jahren 1919 bis 1921 sind 378 Morde von Rechts und 20 von Links vorgekommen. Auf diese Weise sind fast sämtliche Führer der extremen Linken durch ungesetzliche Handlungen beseitigt,…

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  • Der Mensch ist dumm

    Der Mensch ist dumm

    Immer öfter beschleicht mich neuerdings der ketzerische Gedanke, daß der Mensch nicht die Krone der Schöpfung, sondern eine Fehlkonstruktion sei, zum Untergang bestimmt wie die Saurier der Jurazeit, weil er nicht imstande ist, sagen wir es gerade heraus: weil er zu dumm ist…

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  • Die Konfirmationstorte

    Kann denn Gott etwas mehr gefallen als eine Konfirmationstorte, die nicht die sinnlose Kreisform, sondern die sinnige Form einer Bibel hat?

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  • Mathematische Romanze

    In einer warmen Sommernacht konnte man in einem der Ankreise eines rechtwinkligen Dreiecks leise schmelzende Akkorde vernehmen. In dem Dreieck wohnte nämlich unter Obhut ihrer Tante Kontangens das Fräulein Tangens, und eben brachte ihr Don Sinus ein Ständchen auf einer Ellipse, über die vier Parallelen gespannt waren. Er lehnte sich schwärmerisch an den Radius c…

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  • Straßburg, die Hauptstadt Europas

    Straßburg, die Hauptstadt Europas

    uf dem Münster flatterte die blau-weiß-rote Trikolore. Denn gerade am Tag vor der Eröffnung des Europa-Rats, dem 25. November 1952, hatten die Straßburger zufällig etwas anderes Wichtiges zu feiern: den Tag der Befreiung und die Einweihung eines Denkmals für ihren Befreier, General Leclerc…

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Zur Erinnerung an Erich Schairer, den 1956 gestorbenen StZ-Herausgeber und Streiter für die Meinungsfreiheit

Von Martin Hohnecker

Oft gedenken Journalisten großer Politiker und Denker, selten ihrer eigenen beruflichen Vorfahren – leider. Heute [am Donnerstag 3. August 2006] gibt der 50. Todestag des mutigen Publizisten Erich Schairer Anlass zum Erinnern. Denn Schairer eignet sich zumindest in zwei Punkten noch heute als Vorbild: in seinem Mut vor Herrscherthronen – und in seinem pfleglichem Umgang mit der Sprache.

Erich Schairer, als Lehrersohn 1887 in Hemmingen im Strohgäu geboren, hatte sein journalistisch prägendes Erlebnis im Herbst 1919, als verantwortlicher Redakteur der Heilbronner Neckarzeitung. Einem Artikel über die Vernehmung eines ehemals kaiserlichen Staatssekretärs stellte er einen scharfen Kommentar voran. Diese couragierte Meinungsäußerung missfiel seinem Verleger; weshalb er den Kommentar nachts aus der Druckplatte tilgen ließ. Die Folge: die Zeitung erschien mit einem weißen Fleck – und Schairer kündigte auf der Stelle.

Dies war, nebenbei, nicht seine erste Kündigung. Acht Jahre zuvor hatte er, der Tübinger Stiftler und junge Vikar, der Evangelischen Kirche Pfarr- und Predigtamt zurückgegeben, weil er die so genannten „Heilstatsachen“ von der jungfräulichen Empfängnis Mariens bis zur Verwandlung von Brot und Wein beim Abendmahl nicht mehr verkünden wollte. Fortan nannte er sich „gottlos“ und schlug die journalistische Laufbahn ein, erst in Berlin als Nachfolger von Theodor Heuss bei Friedrich Naumanns liberaler Zeitschrift „Die Hilfe“, später bei anderen Blättern.

Nun also stand er, Vater mehrere Kinder, auf der Straße – und erfüllte sich einen Traum: Er gründete die „Heilbronner Sonntags-Zeitung“, die er später als „Sonntags-Zeitung“ nach Stuttgart überführte. Diese Wochenzeitung hatte drei Ziele: Sie opponierte gegen „Kirchentum, Kapitalismus, Kriegs- und Gewaltherrschaft“, kämpfte für „Geistesfreiheit, Gemeinwirtschaft, Gerechtigkeit und Frieden“. Und sie wollte, ihrer Unabhängigkeit wegen, schon bald ohne Anzeigen auskommen.

Dieser „mutige Versuch, journalistische Unabhängigkeit zu bewahren“, wie Gordon A. Craig es nannte, stieß nicht nur bei Kurt Tucholsky auf Bewunderung. Sie fand Anhänger und bis zu 8000 Abonnenten. Und sie provozierte die unerbittliche Feindschaft aller reaktionären Geister, vor allem der Nationalsozialisten. Dies war schon deshalb kein Wunder, weil Schairer und seine Mitstreiter kein gutes Haupt- und Barthaar an Adolf Hitler ließen und ihn als Reinkarnation des größenwahnsinnigen letzten Kaisers karikierten: „ Das deutsche Volk will offenbar solche Führer haben wie Wilhelm II. und Hitler“. Und: „Kann es mit der Herrlichkeit des dritten Reiches ein anderes Ende nehmen als mit der des zweiten?“ Auf die Machtergreifung Hitlers reagierte Schairer im Februar 1933 mit dem lapidaren Hinweis: „Eine Fastnachtsnummer erscheint dieses Jahr nicht.“

Die logische Folge war ein wiederholtes Erscheinungsverbot für die „staatsfeindliche“ Sonntags-Zeitung. Schairer durfte sich zunächst nicht mehr zu politischen Themen äußern, 1937 bekam er Berufs- und Schreibverbot. Sein Blatt musste er abgeben. Die Hitlerei überlebte er als Weinvertreter und zuletzt als dienstverpflichteter Fahrdienstleiter am Bahnhof von Lindau/Bodensee.

Auch tausend Jahre Nazi-Herrschaft konnten Schairers demokratische und publizistische Kraft nicht beugen. Gleich nach Kriegsende übernahm er die Leitung der „Schwäbischen Chronik“ in Tübingen, 1946 wurde er Mitherausgeber der jungen Stuttgarter Zeitung. Seinen Kompagnon, Josef Eberle, kannte er seit 1926. Seit damals hatte Eberle unter verschiedenen Pseudonymen satirische Beiträge für die Sonntags-Zeitung geschrieben und sich damit 1933 ein Schreibverbot der Nazis eingehandelt.

Nun versuchten die beiden, ihr Verständnis von sozialer Politik und freier Meinung im zerstörten Nachkriegsdeutschland umzusetzen – Eberle zunehmend in lateinischer Tonart, Schairer aber in kernigem Deutsch, das er auch seinen Redakteuren mahnend anempfahl. An deutlichen Kommentaren ließ er es nicht fehlen. Als sich die Öffentlichkeit Sorgen darum machte, die eingesperrten deutschen Kriegsverbrecher könnten sich in der Nürnberger Haft umbringen, empfahl er, den Delinquenten, nach chinesischen Muster, lieber die seidene Schnur auszuhändigen und so kurzen Prozess zu machen. Leser schickten ihm danach Fahrkarten „Nach Winnenden – Rückfahrt ausgeschlossen, da hoffnungsloser Fall.“

Schairer ist am 3. August 1956 gestorben; auf dem Stuttgarter Waldfriedhof fand er seine letzte Ruhestätte. Seine Texte, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert geschrieben, lesen sich noch heute frisch und bewegend.

Dass er bei der Stuttgarter Zeitung den Anstoß dafür gegeben hat, das wertvolle Cotta-Verlagsarchiv zu erwerben und es dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach zu stiften, gehört zu den untilgbaren Verdiensten dieses schöpferischen Rebellen, dem Josef Eberle nachrief: „Tapfer mit Feder und Geist, standhaft als Freund und als Mensch.“

Beitrag von Martin Hohnecker anlässlich des 50. Todestags Erich Schairers, erschienen im DJV Blickpunkt, August 2006.